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Frühlingsträume - Der Mops: Die Geschichte von Cindy und Lennart

Cindy hat am liebsten ihre Ruhe. Eines Tages rettet sie auf ihrem Weg zum Kino-Center, in dem sie arbeitet, einen dicken dummen Mops davor, unter die Räder eines Lieferwagens zu kommen. Statt ihr zu danken, beschimpft sie der Besitzer als Hundediebin. Sie staunt nicht schlecht, als sie dem unsympathischen Hundebesitzer noch am gleichen Tag im Kino wiederbegegnet...

FRÜHLINGSTRÄUME: Romantische Ostergeschichten

Der Mops

Cindy lief missmutig durch den Park. Sie konnte das ganze Gerede von Frühlingsanfang, Frühlingssonne und Frühlingsblumen weder nachvollziehen, noch verstehen. Schließlich ging sie nicht in den Park, um die Blumen oder die Bäume zu bewundern oder um sich mit Freunden zu treffen und die ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Jahres zu genießen. Nein, Sonne mochte sie nicht und Freunde hatte sie keine. Sie ging in den Park, weil das der kürzeste Weg zur Arbeit war und dementsprechend auch der kürzeste Weg, um nach der Arbeit wieder nach Hause zu kommen. Denn Cindy wollte nach der Arbeit möglichst schnell wieder nach Hause, sie hatte kein Interesse daran, ihre Mitmenschen bei dem zu beobachten, was sie als soziales Leben bezeichneten, und schon gar kein Interesse daran, sich daran zu beteiligen, denn sie war am liebsten alleine.
Und weil sie nur ungern unter Leuten war und ihren Weg zur Arbeit und zurück möglichst schnell und ohne Zeitverluste bewältigen wollte, hatte sie vor einer Weile damit angefangen, zur Arbeit zu joggen. Nicht dass sie ein Sportfanatiker oder Fitnessfreak wäre, aber tatsächlich ging das einfach schneller. Kein Warten auf verspätete Straßenbahnen oder Busse, kein Gedränge, keine zusammengepferchten Menschen, die ihr ständig viel näher kamen als ihr lieb war, nein, nur sie, der Park und der Rhythmus ihrer Schritte und ihres Atems. Angefangen hatte sie damit, als sie einmal die Straßenbahn verpasst hatte, und zu Anfang war sie ziemlich langsam gegangen und ziemlich außer Atem gewesen, aber nach einer Weile hatte sie einen zügigen Schritt drauf und irgendwann war sie ganz spontan in einen leichten Trab gefallen und überrascht, wie schnell sie die gut sieben Kilometer bis zum großen Kino-Center in der Stadtmitte schaffte, in dem sie arbeitete. Klar, sie hätte mit dem Fahrrad fahren können, aber sie besaß kein Fahrrad und war noch nie in ihrem Leben Rad gefahren. Und außerdem gab es keinen sicheren Ort, an dem sie ein Fahrrad abstellen konnte, weder vor dem Kino noch vor ihrer Wohnung. Und das Rad mit in ihre Wohnung zu nehmen, würde bedeuten, dass sie es jeden Tag die Treppe runter und wieder hoch bis in den vierten Stock tragen müsste. Nein danke. Laufen war gut und außerdem viel praktischer, sie brauchte dazu nichts außer einem bequemen Paar Schuhe, die sie bei der Arbeit sowieso immer trug.
Minimaler Aufwand, maximaler Nutzen.
Das war etwas, was Cindy mochte. Effizienz.
Effizienz war ja jetzt nichts, wofür man sich entschuldigen musste, auch wenn sie manchmal den Eindruck hatte, ihre Mitmenschen erwarteten eine Entschuldigung von ihr. Wenn sie so an die Blicke dachte, die andere Leute ihr nicht gerade selten zuwarfen. Aber was sollte sie sagen? He, Leute, sorry, aber ich optimieren gerne meine Abläufe und liebe Strukturen? Bei dem Gedanken musste Cindy grinsen. Das sollte sie vielleicht wirklich mal sagen, nur um den verwirrten Ausdruck in den Gesichtern der anderen Leute zu sehen. Aber natürlich würde sie das nicht tun. Die anderen Leute würden sie sowieso nicht verstehen und Cindy flog ehrlich gesagt lieber unter dem Radar. Je weniger sie auffiel, desto weniger wurde ihre Ruhe gestört. Und ihre Ruhe war etwas, das ihr heilig war und fast genauso wichtig wie Effizienz und Strukturen.
Außerdem war ihr egal, was andere Leute über sie dachten, sie hielt die meisten Menschen sowieso für dumpf und dämlich, warum sollte sie also Wert auf ihre Meinung legen? Schließlich war sie niemandem Rechenschaft schuldig für das, was sie tat, und schon gar nicht für das, was sie dachte. Wie hieß es doch so schön? Die Gedanken sind frei. Das war nicht gerade eine neue Erkenntnis, aber nichtsdestotrotz wahr.
Cindy fing an, beim Laufen leise vor sich hin zu summen. Das lag natürlich nicht an der warmen Frühlingssonne, die ihr ja egal war. Na ja, vielleicht doch nicht ganz egal. Das hatte vermutlich irgendetwas mit den Hormonen zu tun, die nach dem langen, grauen, schnee- und regenreichen Winter jetzt wieder richtig in Fahrt kamen. Cindys gute Laune verflog schlagartig. Sie hasste Hormone, denn die verursachten völlig irrationale Gefühle. Und Gefühle führten nie zu irgendetwas außer einem gebrochenen Herzen. Das seltsamerweise wehtat, und zwar richtig weh. Eigentlich unerklärlich, denn es war ja nicht so, als ob das Herz tatsächlich zerbrach, als ob die zurückgewiesene Liebe den Herzmuskel zerfetzen und die Herzklappe aus ihrer Verankerung reißen würde. Also mit dem Thema war Cindy durch. Und zwar endgültig. Jawohl!
Mittlerweile hatte Cindy den Ausgang des Stadtparks erreicht und blieb in Gedanken versunken am Rand der Straße stehen, die sie überqueren musste, um den letzten Kilometer bis zum Kino zurückzulegen. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie einen Hund, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite über den Gehweg trottete. Missbilligend kniff Cindy die Augen zusammen. Sie hatte eine klare Meinung zum Thema Hunde, insbesondere Hunde in einer Großstadt, und diese Meinung fiel nicht zu Gunsten der Hunde aus. Und natürlich auch nicht zu Gunsten der Hundebesitzer. Ganz davon abgesehen, dass Hunde alles vollkackten und keinerlei Existenzberechtigung hatten, mochte Cindy keine Hunde. Und auch keine Katzen. Und überhaupt keine Tiere im Allgemeinen. Und dieser Hund hier war dazu noch ein besonders hässliches Exemplar, er sah aus wie ein fettes kleines Schweinchen mit kurzen Beinchen und eingedrückter Nase. Cindy starrte den Hund leicht angewidert an und beobachtete ihn dabei, wie er ziellos über den Gehweg trottete und irgendwelche ekligen Dinge fraß, die er dabei am Boden fand. Der Hund war nicht nur hässlich, er war auch dumm. Ganz offensichtlich war er sehr dumm, denn er lief einfach weiter geradeaus direkt auf die Straße zu, auf der sich jetzt von der anderen Seite der Transporter eines Paketdienstes näherte. Der Hund schien den Transporter nicht zu bemerken, vielleicht war er ja blind? Oder taub? Oder beides? Und der gestresste Paketbote hatte den dummen Hund auch nicht auf dem Schirm. Cindys Gehirn führte eine kurze Berechnung von Weg und Geschwindigkeit des Transporters und des Hundes durch und es war klar, dass der Hund unter die Räder kommen würde. Auch ohne Berechnungen war es offensichtlich, dass ein Zusammenstoß von Hund und Transporter unvermeidlich war. Und über das Ergebnis dieses Zusammenstoßes bestand kein Zweifel.
Scheiße, dachte Cindy und dann sprintete sie los, bevor sie es sich anders überlegen konnte. Mit einem schnellen Griff packte sie den dummen Hund am Nacken und rettet sich und den Hund dann mit einem Sprung auf den Gehweg. Der Paketbote trat auf die Bremse und starrte sie erschrocken an. Cindy starrte finster zurück. Sollte er sich ruhig erschrecken, es hätte ja schließlich auch ein Kind sein können und kein dummer und dämlicher Hund. Der jetzt auch noch begann, sie mit seiner langen, nassen, rosa Zunge abzuschlecken und kleine keuchende und winselnde Geräusche von sich zu geben. Angeekelt hielt Cindy den Hund auf Armeslänge von sich weg.
"Lass das, du dummer Hund, das ist echt widerwärtig", knurrte sie den Hund an, der anfing, sich in ihrem festen Griff zu winden.
Cindy hatte keine Zeit, sich zu fragen, was sie jetzt mit dem dummen dämlichen Hund anfangen sollte, denn ein Mann kam in rasendem Tempo um die Hausecke geschossen und prallte fast mit ihr zusammen.
"He!" fauchte Cindy ihn empört an.
"Arturo!" schrie der Mann mit einer Mischung aus Panik und Erleichterung, wobei er das R rollte wie ein Italiener oder Spanier, auch wenn er eigentlich eher wie ein Wikinger aussah.
"Wer ist Arrrrrturo?" fragte Cindy missgelaunt den Mann, der mit einem Schlittern zum Stehen gekommen war und gerade noch verhindern konnte, Cindy und den dummen Hund umzurennen.
"Arturo, bin ich froh, dass es dir gut geht!"
Die Erleichterung des Mannes, seinen Arturo unversehrt wiedergefunden zu haben, war unverkennbar. Er streckte die Arme nach dem Hund aus und schien Cindy weder zu sehen noch zu bemerken.
Was für ein unsympathischer Zeitgenosse! Statt ihm den Hund zu überreichen, ließ Cindy ihn einfach auf den Boden plumpsen, aber der Hund schien keineswegs wegen dieser lieblosen Behandlung beleidigt zu sein, im Gegenteil, er begann Cindy wie wild zu umkreisen, an ihr hochzuspringen und mit seinem kleinen gerollten Schweineschwänzchen zu wedeln, was einfach albern aussah. Ganz offensichtlich hatte er beschlossen, dass Cindy ab jetzt seine ganze Zuneigung galt, und ließ sich auch nicht davon abbringen, als Cindy ihn vorsichtig mit dem Fuß zu Seite schob.
"Was machst du überhaupt mit meinem Hund?" fuhr sie der Mann ungehalten an.
Aha. Er hatte sie also doch gesehen. Cindy starrte den Mann einen Augenblick lang stumm an und fragte sich, ob gutes Aussehen und gute Manieren zwei Charakterzüge waren, die sich gegenseitig ausschlossen. Wenn sie den Mann so betrachtete, schien diese Theorie recht plausibel.
"Ich glaube nicht, dass das dein Hund ist."
"Was soll das heißen? Natürlich ist Arturo mein Hund!"
Entrüstet baute er sich vor ihr auf.
"Er scheint mich aber lieber zu mögen als dich, obwohl er mich überhaupt nicht kennt und ich Hunde nicht leiden kann."
Der Mann sah sie leicht verwirrt an, dann fiel sein Blick auf den Hund, der sich mit seinem fetten kleinen Hintern auf Cindys Sneaker gesetzt hatte und sich an ihr Bein drückte. Cindy hoffte im Stillen, dass der Hund nicht gerade eben irgendwo gekackt hatte, sonst wäre ihr Sneaker ein für alle Mal ruiniert.
Der Mann beugte sich zu dem Hund herunter und säuselte:
"Arturo! Komm zu Papi, Arturo!"
Papi?
Diesen Gedanken wollte Cindy auf keinen Fall vertiefen!
"Whatever", sagte sie deshalb, schob den dicken dummen Hund von ihrem Schuh und lief wieder los. Der Hund ging sie nichts an und sie wollte nicht zu spät zur Arbeit kommen.

Im Kino angekommen wusch sich Cindy zuerst gründlich die Hände und die Arme, die der unsägliche Hund abgeleckt hatte. Dann machte sie sich daran, hinter der Theke die Popcornmaschine zu befüllen und den Inhalt der Eistruhe und der Kühlschränke zu kontrollieren.
"Cindy?"
Cindy tauchte aus den Tiefen der Eistruhe auf und hob den Kopf. Vor der Theke stand ihre Chefin, die wie immer einen gehetzten Gesichtsausdruck hatte und krampfhaft ein paar Blätter Papier umklammert hielt. Cindy seufzte, sie hatte keine Ahnung, wie Pamela es geschafft hatte, in die Position der Leiterin dieses gigantischen und extrem gut besuchten Kinos aufzusteigen, da ihr ganz offensichtlich alle Eigenschaften für eine derartige Führungsposition fehlten. Und ihre fehlende Kompetenz konnte sie auch nicht mit anderen Reizen ausgleichen, da sie außer dem Namen nichts mit der bekannten Seriendarstellerin verband. Was sich ihre Eltern wohl dabei gedacht hatten, als sie ihre Tochter nach dem blonden Busenwunder benannt hatten?
"Was ist denn, Pamela?" fragte Cindy freundlich, obwohl sie genau wusste, was jetzt kam. Wie jeden Nachmittag kurz vor Öffnen des Kinos kam Pamela zu ihr mit der Bitte, mal einen kurzen Blick auf die Arbeitspläne zu werfen. Cindy kannte alle Mitarbeiter des Kinos, ihre Arbeitstage und Arbeitszeiten, das Kinoprogramm, die Belegung der Kinosäle, welche Theken an welchen Wochentagen und zu welchen Zeiten geöffnet waren und alles, was man sonst noch so wissen musste, um ein derart großen Kino effizient zu führen. Im Gegensatz zu Pamela, die ständig die Mitarbeiter verwechselte und sich noch nicht einmal an ihre Arbeitszeiten erinnern konnte.
"Kannst du mal einen kurzen Blick auf die Arbeitspläne werfen, Cindy?" fragte Pamela auch prompt.
Cindy nickte, lächelte Pamela aufmunternd an und nahm ihr die Papiere aus der Hand. Es machte ihr nichts aus, Pamelas Arbeit zu machen, weil sie Pamelas Job gar nicht haben wollte. Ihr gefiel es, hinter der Haupttheke zu arbeiten, denn die Theke garantierte dafür, dass die Leute, die vor allem abends in Massen in das Kino strömten, ausreichend Abstand hielten. Am Abend wechselte Cindy dann zur Bar, die bis Mitternacht geöffnet war und wo sie Cocktails mixte, Getränke ausschenkte und dafür sorgte, dass alles reibungslos lief.
Cindy breitete die ausgedruckten Blätter vor sich auf der Theke aus und griff nach einem Kugelschreiber. Pamela beobachtete sie nervös dabei fragte sich vermutlich, warum Cindy sich nicht schon längst um ihren Job beworben hatte.
"Du, Pamela, der Max ist doch heute nicht da. Und denk daran, dass wir einen Event mit drei Sondervorstellungen haben und deshalb auch die Theke im oberen Stock besetzen müssen."
"Ach ja, stimmt, du hast Recht", murmelte Pamela kleinlaut.
Cindy führte eine ganze Menge Korrekturen durch, wie jeden Tag, machte Notizen auf dem Papier, damit Pamela wusste, was die Korrekturen bedeuteten, und reichte die Ausdrucke dann wieder an Pamela zurück.
"Hier. Alles soweit in Ordnung Pamela."
Sichtlich erleichtert griff Pamela nach den Ausdrucken, lächelte Cindy kurz an und eilte dann davon.
Cindy sah ihr nachdenklich hinterher und fragte sich nicht zum ersten Mal, warum Pamela sich das antat. Es war offensichtlich, dass der Job sie komplett überforderte, was dazu führte, dass Pamela ständig extrem gestresst war und zwischen Hilflosigkeit und Verzweiflung schwankte. Wem wollte sie denn damit etwas beweisen? Es war abzusehen, dass sie irgendwann in naher Zukunft einen Herzanfall oder ein Burnout bekommen würde.
Aber he, das war nicht Cindys Problem. Genauso wenig wie der dumme, fette Hund.
Cindy tat den Gedanken mit einem Kopfschütteln ab und machte sich dann auf den Weg zu ihrem täglichen Rundgang durch das Kino, um zu kontrollieren, ob alles für das Öffnen des Kinos vorbereitet war. An den Kassen gab es noch ein paar kleinere Probleme, eine große Anzeige funktionierte nicht richtig und eine Theke war nicht besetzt, weil der eingeteilte Mitarbeiter zur falschen Theke gegangen war und jetzt entspannt mit seiner Kollegin plauderte, ohne sich zu fragen, warum schon jemand an der Theke arbeitete. Nichts Besonderes, Katastrophen sahen anders aus. Wie immer störte es niemanden, dass sich Cindy um Dinge kümmerte, für die sie gar nicht zuständig war, ihnen war egal, wer ihre Probleme löste, Hauptsache sie wurden gelöst.
Wieder zurück an ihrer Popcorn-Theke beobachtete Cindy Pamela dabei, wie sie die großen Eingangstüren aus Glas aufschloss, durch die schon bald die ersten Menschengrüppchen für die Nachmittagsvorstellung strömten, praktisch alles Erwachsene mit einem oder zwei Kindern im Schlepptau oder mit ganzen Gruppen Kinder, die alle durcheinander redeten und Chaos an der Theke verursachten. Mit unendlicher Geduld bediente Cindy die kleinen Besucher und wunderte sich nicht zum ersten Mal darüber, dass sich ihre allgemeine Abneigung ihren Mitmenschen und Tieren gegenüber nicht auch auf Kinder erstreckte, die ja eigentlich viel nerviger waren als die meisten Erwachsenen. Aber wenn Cindy in ihre kleinen Gesichter blickte, wurde sie stets von einem warmen, sonnigen Gefühl erfüllt, für das es keine Beschreibung und keine Erklärung gab.
Nachdem die erste Besucherwelle durch das Kino geschwappt war und sich auf die Säle verteilt hatte, gab es eine kleine Atempause und Cindy machte sich wie jeden Tag einen Espresso, ihren ersten Espresso von vielen. Sie liebte Rituale und eine tiefe Zufriedenheit erfüllte sie, als sie sich gegen die Wandtheke lehnte, an dem Espressotässchen nippte und den Blick durch die große Eingangshalle des Kinos schweifen ließ.
Überrascht kniff sie die Augen zusammen, als sie sah, dass sich Pamela wieder der Theke näherte, zusammen mit einem Mann, bei dem es sich um niemand anderen als den Besitzer oder Nicht-Besitzer des dummen dicken Hundes handelte, dem Cindy vor ein paar Stunden das Leben gerettet hatte. Zufälle gab es! Was wollte der denn hier? Bestimmt nichts Gutes, denn ein Blick in Pamelas Gesicht zeigte ihr, dass ihre Chefin kurz vor dem Kollaps stand.
Pamela blieb mit dem Mann vor der Theke stehen, räusperte sich und sagte dann:
"Und das ist unsere... Haupttheke."
Sie schluckte trocken und sah Cindy hilfesuchend an.
"Wie geht es Arturo?" fragte Cindy den Mann. Es rutschte ihr einfach so heraus, vielleicht weil er so ein arroganter Unsympath war.
Der Mann starrte sie verblüfft, aber nicht unfreundlich an.
"Kennen wir uns?"
Oookaiiii... das war jetzt irgendwie creepy, denn das war ganz eindeutig der Mann von vorher. Cindy hatte ein gutes Menschengedächtnis und es bestand kein Zweifel daran, dass dieser extrem gut aussehende Wikingertyp mit eisblauen Augen der Arrrrrturo-Fuzzy war, auch wenn er jetzt gerade das R nicht mehr auf so affektierte Weise rollte. Und er erinnerte sich nicht an sie? Sehr seltsam, Cindy war ein ziemlich auffälliger Typ, hochgewachsen und feingliedrig, mit glatten, seidenweichen Haaren, die sie in einem kinnlangen Bob trug und die blassrosa gefärbt waren und ihr schmales Gesicht mit großen grauen, leicht schräg gestellten Augen betonten. Um ihr elfenähnliches Aussehen zu kompensieren, trug sie schlichte schwarze Klamotten. Also sie war jetzt nicht gerade der Allerweltstyp.
"Sorry, ich hab Sie wohl verwechselt", entschuldigte sich Cindy und trank ihren Espresso aus. Im Grunde war es ihr völlig egal, ob er sich an sie erinnerte oder nicht.
"Ja, müssen Sie wohl. An Sie würde ich mich auf jeden Fall erinnern, so ein Gesicht vergisst man nicht."
Er lächelte sie freundlich und offen an und die Art, wie er ihr das Kompliment machte, hatte etwas so Charmantes, dass Cindy um ein Haar zurückgelächelt hätte.
Der Mann wandte seine Aufmerksamkeit wieder Pamela zu, die wie erstarrt neben ihm stand.
"Sehr schön, Pamela, alles ist wirklich sehr ordentlich hier. Vielleicht könnten Sie mir jetzt die Pläne zeigen, damit ich eine Vorstellung von den internen Abläufen bekomme?"
Pamela sah aus, als ob sie gleich Schnappatmung bekommen würde.
"Ach... die Pläne... also..."
"Also die Pläne gibt Pamela immer montags aus, für die ganze Woche. Eine Kopie bewahren wir hier an der Theke auf, für die Mitarbeiter. Die vergessen schon mal ihre Pläne zu Hause."
"Ja... genau", bestätigte Pamela und starrte Cindy aus großen Augen an.
"Das ist ja eine gute Idee. Kann ich die Pläne mal sehen?"
Pamela wurde leichenblass und bevor sie in Ohnmacht fiel, zog Cindy schnell einen Ordner hervor und legte ihn auf die Theke. Pamela starrte Cindy an, als ob sie gerade ein goldenes Ei gelegt hätte.
Cindy zwinkerte Pamela verschwörerisch zu und schlug den Ordner auf.
"Also hier sind die Saalbelegungspläne, die Pläne der Anfangs- und Endzeiten der Filme, also für die Reinigung zwischen den Vorstellungen, und hier die Thekenbelegung und der Personalplan."
Sie zeigte auf die verschiedenen Ausdrucke, die sie fein säuberlich im Ordner abgeheftet hatte.
Wie gesagt, sie liebte Effizienz und optimierte gerne Abläufe. Deshalb bereitete sie die Pläne immer zu Hause im Voraus vor, auch um Katastrophen zu vermeiden.
"Und wie ist das mit der Kontrolle?"
Warum interessierte sich der Typ so für die Abläufe im Kino? Was war hier im Gange?
"Bevor wir öffnen, wird ein Kontrollgang gemacht. Meistens teilt Pamela mich dafür ein, weil ich schon lange hier arbeite und alles gut kenne."
"Sehr schön", lobte der Mann und reichte der überraschten Cindy dann die Hand.
"Ich bin Lennart."
Nach kurzem Zögern ergriff Cindy seine Hand. Er hatte einen festen Händedruck, aber nicht zu fest. Sehr aufmerksam von ihm, bei seinem Aussehen hätte er ihr locker die Hand zerquetschen können.
"Cindy. Also eigentlich Cinderella", stellte Cindy sich vor, weil sie es nicht lassen konnte, obwohl sie natürlich nicht Cinderella, sondern Cynthia hieß. Der Mann ließ sich von dieser etwas ungewöhnlichen Vorstellung nicht aus dem Konzept bringen, sondern schenkte ihr ein warmes, leicht verschmitztes Lächeln.
"Wie passend, wie überaus passend", erwiderte er und hielt ihre Hand einen Augenblick länger als nötig. Ganz kurz hatte Cindy den Eindruck, er würde ihr einen Handkuss geben, aber zum Glück hatte sie sich geirrt. Der Mann mit Namen Lennart blickte ihr noch einmal tief in die Augen und zu ihrer Verärgerung musste Cindy feststellen, dass sich ein warmes, wohliges und ganz und gar ungewohntes Gefühl in ihr ausbreitete. Verdammter Frühling! Zum Teufel mit allen charmanten Wikingern der Welt! Lennart schien ihr Dilemma nicht zu bemerken, denn er hatte seine ganze Aufmerksamkeit bereits wieder auf Pamela gerichtet. Einen kurzen Augenblick fühlte Cindy so etwas wie einen kalten Lufthauch, als ob die Sonne plötzlich von einer Wolke verdunkelt worden wäre und sie auf einmal im Schatten stand. In Gedanken ersetzte sie Lennarts Kopf durch ein knallrotes, achteckiges Stoppschild, um sich selbst daran zu erinnern, dass sie keinen Schritt weiter gehen durfte. Und wollte. Bei Männern wie Lennart war die Gefühlskatastrophe vorprogrammiert und sie wusste, dass Männer wie er den Herzschmerz nicht wert waren, den sie verursachten.
"Wollen wir in Ihr Büro gehen und alles weitere dort besprechen?" fragte Lennart Pamela, die nickte und ihm folgte, als er sich mit schnellen Schritten entfernte. Schnell drehte sie sich noch einmal zur Theke um und formte mit beiden Händen ein Herz für Cindy und warf ihr einen dankbaren Blick zu.

Verwundert blickte Cindy den beiden hinterher, aber kurze Zeit später hatte sie den seltsamen Mann schon wieder vergessen, da heute sehr viel los war und sie alle Hände voll zu tun hatte. Später wechselte sie zur Bar, in der ein regelrechtes Gedränge herrschte, was zum einen daran lag, dass Freitag war und die Leute sich auf das Wochenende einstimmten, und zum anderen vermutlich am warmen Frühlingswetter, das viele dazu brachte, sich von ihrem Sofa loszureißen und in das Stadtzentrum zu strömen. Die Kinobar war nicht nur für Kinobesucher ein beliebter Treffpunkt, sondern auch bei Nachtschwärmern, die sich hier ein wenig die Zeit vertrieben, bis die Diskotheken und die Musikbars öffneten. Cindy konnte beim besten Willen nicht nachvollziehen, was sie dabei fanden, dicht gedrängt Alkohol zu konsumieren und sich gegenseitig anzuschreien, weil man bei dem Lärmpegel kaum sein eigenes Wort verstehen konnte. Aber ehrlich gesagt war Cindy die Freizeitgestaltung ihrer Mitmenschen egal, wenn es ihnen Spaß machte, sie hatte nichts dagegen einzuwenden, ohne sie hätte Cindy keine Arbeit. Und sie mochte ihre Arbeit, wie gesagt immer mit der erforderlichen Distanz, die die Theke ihr garantierte.
Cindy warf einen Blick auf das Display, auf dem die Bestellungen aufpoppten, die die Bedienungen in ihre Handys eingaben, und straffte die Schultern. Die Liste war ganz schön lang und alle Getränke in möglichst kurzer Zeit auszuschenken, war eine Herausforderung, selbst für sie. Sie arbeitet schnell und hochkonzentriert und bemerkte deshalb die Gruppe Personen nicht, die sich unter Einsatz der Ellenbogen bis zur Theke durchgekämpft hatten.
Einer der Männer lehnte sich über die Theke, zog Cindy am Ärmel, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und rief dann mit lauter Stimme:
"Fünf Aperol Spritz für mich und meine Freunde."
Verärgert entzog Cindy dem Mann ihren Arm und hob den Blick von der Getränkeliste auf dem Display.
Das gab es doch nicht, schon wieder der vermeintliche Hundebesitzer! Aller guten Dinge sind drei, oder besser gesagt aller schlechten Dinge, dachte Cindy lakonisch.
"Geben Sie Ihre Bestellung bitte bei einer der Kellnerinnen auf, ich bin nur für das Mixen und den Ausschank zuständig", informierte Cindy ihn kühl und wandte sich wieder ihren Getränken zu.
"Das gibt's doch nicht, die kleine Hundediebin von heute Nachmittag!" rief der Mann verblüfft aus.
Na sowas, auf einmal erinnerte er sich wieder an sie? Also der Typ hatte definitiv eine Persönlichkeitsstörung! Cindy ignorierte ihn, was dazu führte, dass er sie wieder am Arm packte und wütend fauchte:
"He, du Schlampe, ich rede mit dir, hast du gehört? Und jetzt die Drinks für mich und meine Freunde, aber ein bisschen flott. Wir haben nicht den ganzen Abend Zeit."
Wohin waren der freundliche Blick und das charmante Lächeln verschwunden? Oder hatte sie sich das vorhin nur eingebildet? Litt sie jetzt an frühlingsbedingten Halluzinationen? Was auch immer, dumme Sprüche war sie ja gewohnt und die perlten an ihr ab, aber anfassen ging gar nicht. Mit einer schnellen Bewegung verdrehte sie dem Mann den Arm, der sie mit einem wehleidigen kleinen Aufschrei losließ und dann wutentbrannt anstarrte.
"Ich bin der neue Besitzer des Kinos und jetzt spurst du besser, sonst bist du die erste, die ich entlassen werde", stieß er wutentbrannt hervor.
"Ach Lenni, lass doch, das ist doch nur die Kellnerin, was weiß die denn schon", versuchte ihn eine der beiden durchgestylten Frauen zu beruhigen, die zum Grüppchen gehörten und wie Models aussahen und es wahrscheinlich auch waren.
Aber Cindy wusste, dass es in diesen Fällen immer besser war, zu deeskalieren, egal ob der Fuzzy jetzt tatsächlich der neue Kinobesitzer war oder nicht. Also reihte sie in Lichtgeschwindigkeit fünf Gläser auf der Theke auf, ließ klimpernd Eiswürfen hineinfallen, die sie mit einem Schuss Aperol und mit Prosecco übergoss. Dann fügte sie mit einer gekonnten Handbewegung etwas Sodawasser aus der Zapfpistole hinzu und garnierte die Gläser mit einer aufgespießten grünen Olive und einer Orangenscheibe.
"Geht aufs Haus. Ich wünsch euch noch einen schönen Abend", informierte sie das Grüppchen mit einem professionellen Lächeln und wandte sich dann wieder ihrer Getränkeliste zu.
Lenni, dem sie damit den Wind aus den Segeln genommen hatte, verstummte, alle griffen nach ihren Gläsern und kurz darauf war das Grüppchen wieder in der Menge verschwunden.
Die ganze Angelegenheit ging Cindy nicht aus dem Kopf. Abgesehen von dem gelinde gesagt doch sehr merkwürdigen Verhalten Lennarts ging ihr seine Behauptung nicht aus dem Kopf, er sei der neue Besitzer des Kinos. Das beschäftigte sie, denn die liebte ihre Routine und mochte keine Veränderungen, ganz abgesehen davon, dass Lenni mit Sicherheit eine Verschlechterung und keine Verbesserung war. Dabei hatte er am Nachmittag mit Pamela noch so souverän und kompetent gewirkt. Vielleicht hatte er ein Alkoholproblem? Sie sah fast täglich Leute, die sich unter dem Einfluss von Alkohol in komplett andere Menschen verwandelten, und das nicht immer zum Besseren.
An diesem Abend ging Cindy mit gemischten Gefühlen nach Hause. Morgen würde sie Pamela zur Rede stellen und alle Informationen aus ihr herausquetschen.
Es war schon fast zwei Uhr nachts, als Cindy ihre Wohnung betrat und die Tür mit einem Seufzer hinter sich schloss. Wie immer gab ihre Wohnung ihr ein Gefühl von Sicherheit und Ruhe, hier war alles geordnet, überschaubar und vorhersehbar. Sie hatte ihre Wohnung sehr schlicht und essentiell eingerichtet, lange bevor der Wohnminimalismus zu einem neuen Trend wurde. Nur ein paar Teppiche und ausgewählte Bilder in warmen Farben setzten Akzente. Cindy brauchte nicht viel, das einzige, von dem sie viel brauchte, war Ruhe. Und die fand sie hier. Ihre Wohnung war nicht groß, aber groß genug, Schlafzimmer, Küche, Wohnzimmer, Bad und ein kleiner Balkon. Mehr als genug für sie.
Sie duschte sich und machte sich dann ihren Kräutertee, den sie jeden Abend trank, bevor sie ins Bett ging. Doch anders als sonst kam ihr die Wohnung heute leer vor, irgendwie distanziert und unterkühlt. Trotz des wunderschönen Blumenbouquets, das den Tisch im Wohnzimmer zierte und den Raum mit seinen wundervollen Gelb- und Orangetönen zum Leuchten brachte. Zögernd ließ sich Cindy auf ihr Sofa sinken, die Teetasse in der Hand, und starrte den ausgeschalteten Fernseher an.
Was für ein verrückter Tag war das heute gewesen! Erst der dumme Hund, dann der seltsame Hundebesitzer und dann die Neuigkeit, dass das Kino-Center den Besitzer wechselte. Obwohl Cindy so ihre Zweifel an dieser Information hatte, warum sollte die Holding ausgerechnet jetzt das Kino-Center abstoßen, das ja nur eins von einer ganzen Kette mit Standorten in verschiedenen Großstädten war und das gerade erst mit viel Aufwand renoviert und modernisiert worden war? Aber möglich war alles, Konzerne interessierten sich heute in erster Linie für Gewinnmaximierungen und Zahlen und nicht wirklich für die Unternehmen, die hinter den Zahlen standen.
In dieser Nacht schlief sie schlecht und wurde von Albträumen geplagt, obwohl sie die Zeit der schlimmen Träume eigentlich längst hinter sich gelassen hatte.

Am nächsten Tag ging Cindy etwas früher als sonst zur Arbeit und direkt in das Büro von Pamela. Sie war noch nie in Pamelas Büro gewesen, wusste aber natürlich, wo sich das Büro befand. In der Leerlaufzeit an den besucherarmen Tagen hatte sie die Pläne des Kino-Centers eingehend studiert, um sich alle Fluchtwege und Notausgänge zu merken. Deshalb kannte sie auch die obere Etage in- und auswendig, in der sich die Büroräume der Verwaltung und die Technikräume befanden.
Überrascht blickte Pamela von ihrem Schreibtisch auf, als Cindy unangemeldet und ohne anzuklopfen ihr Büro betrat.
"Cindy! Was machst du denn hier?" fragte sie mit großen Augen.
"Stimmt es, dass das Kino-Center verkauft worden ist?" kam Cindy direkt zum Punkt.
"Was? Nein, wie kommst du denn darauf?" erschrocken starrte Pamela sie an.
"Lennart hat gestern Abend in der Bar sowas gesagt. Dass er der neue Besitzer ist und so."
"Ja, also das stimmt", räumte Pamela ein.
"Also wird das Kino-Center jetzt doch verkauft?" hakte Cindy nach.
"Nein, nein", versicherte Pamela und Cindy konnte ihr ihre Aufregung ansehen.
"Ja was denn jetzt?" fragte Cindy leicht ungehalten. Obwohl sie sonst immer sehr freundlich zu Pamela war, fehlte ihr heute die Geduld.
Pamela ließ die Schultern sinken und seufzte. Dann deutete sie auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch und Cindy setzte sich und atmete tief durch.
"Entschuldigung, ich wollte dich nicht anfahren, Pamela. Es ist nur so, dieser Lennart ist ein seltsamer Typ und gestern Abend in der Bar hat er mir mit der Kündigung gedroht."
"Was? Das kann ich mir gar nicht vorstellen! Willst du einen Espresso?"
Überrascht nickte Cindy und beobachtet Pamela dabei, wie sie geschickt einen Espresso für Cindy zubereitete und das Tässchen vor ihr abstellte.
"Tatsächlich soll wohl ein Generationswechsel stattfinden und die Leitung der Kino-Center an den Enkel übergehen."
"Ach so... Aber das beruhigt mich jetzt auch nicht, wenn ich ehrlich sein soll."
"He, mach dir keine Gedanken, du bist mit Sicherheit die letzte, der hier gekündigt wird. Ich weiß, was du hier leistest, und ich weiß es auch zu schätzen. Warte doch erstmal ab, vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm."
"Ja, vielleicht", lenkte Cindy nachdenklich ein, aber sie hatte so ihre Zweifel.

Samstag war der Tag mit den meisten Besuchern und heute platzte das Kino fast aus den Nähten, sodass Cindy alle Gedanken und Sorgen zur Seite schob und sich in das Getümmel stürzte. Alle paar Minuten kam ein aufgelöster Mitarbeiter mit einem der unzähligen Probleme und Problemchen angerannt, die bei einem derartigen Besucheransturm unvermeidbar waren, aber Cindy ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Ehrlich gesagt, machte es ihr Spaß, Ordnung in das Chaos zu bringen, und je größer das Chaos war, desto mehr lief sie zur Höchstform auf.
"Wenn nur noch Wasser aus den Softdrinkhähnen kommt, sind die Fässer mit dem Konzentrat leer. Der Basti weiß, wie man die Fässer wechselt. Er ist an der Theke oben, sag ihm Bescheid und übernimm so lange die Theke für ihn. Und nur die Ruhe bewahren, den Leuten können wir so lange zum gleichen Preis Softdrinks in Dosen oder Flaschen geben", beruhigte sie gerade den hektischen Mitarbeiter der Getränketheke, während sie nebenher Popcorn in Tüten füllte, Chips, Nachos, Schokolinsen, Eiscreme und Gummibärchen ausgab und die lange Schlange abkassierte, die sich vor der Theke gebildet hatte. Als sie den nächsten Kinobesucher mit einem freundlichen Lächeln begrüßte, sah sie Lennart, der an einem der Stehtische stand, einen Cappuccino trank und sie aufmerksam beobachtete. Was zum Teufel machte er da? Sie ignorierte ihn und bediente weiter, bis sich schließlich alle Leute mit ihren Getränken und Snacks auf die verschiedenen Kinosäle verteilt hatten und kurz Ruhe vor dem nächsten Ansturm einkehrte. Wie immer machte Cindy sich einen Espresso und lehnte sich an die Wandtheke, um ihren starken, aromatischen Minikaffee zu genießen. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Lennart zu ihr an die Theke getreten war, ignorierte ihn aber bewusst weiter. Nach seinem unmöglichen Verhalten vom Vorabend würde sie freiwillig kein weiteres Wort mehr mit ihm wechseln.
"Sie haben das alles hier ja wirklich sehr gut im Griff, Cindy", sagte Lennart, nachdem er sie schweigend einige Augenblicke lang gemustert hatte. Cindy starrte ihn über den Rand ihrer Espressotasse hinweg ausdruckslos an.
"Ich wüsste nicht, was Sie das angeht", erwiderte sie kühl, räumte ihre Espressotasse in die Spülmaschine und machte sich ans Aufräumen und Nachfüllen.
"Kein Grund unfreundlich zu sein, ich habe Ihnen nichts getan."
Cindy warf ihm einen vielsagenden Blick zu.
"Na klar, wenn Sie es sagen. Gibt es sonst noch etwas, was ich für Sie tun kann?"
Sie würde sich von dem Depp nicht provozieren lassen und sie wollte ihm keinen Grund geben, seine Kündigungsandrohung in die Tat umzusetzen.
Lennart sah sie überrascht an, dann verdüsterte sich plötzlich sein Gesichtsausdruck und er bekam einen harten Zug um den Mund. Er sah ihr fest in die Augen und in seinem Blick lagen jetzt wieder Wärme und Freundlichkeit. Sie hatte sich das also doch nicht eingebildet.
"Cindy, was auch immer ich gesagt oder getan habe, um Sie zu verärgern, es tut mir leid. Aufrichtig leid."
Eine Entschuldigung? Die er sogar ernst zu meinen schien? Dieser Mann war ihr irgendwie unheimlich.
"Whatever", erwiderte Cindy, wie immer, wenn sie sich auf keine weiteren Diskussionen einlassen wollte.
Lennart warf ihr noch einen langen Blick zu und ging dann grußlos. Sie konnte sehen, dass er verärgert war, ja sogar regelrecht wütend, aber sie konnte auch spüren, dass seine Verärgerung und seine Wut nicht ihr galten. Und darüber war sie froh, denn er strahlte eine große Entschlossenheit und Stärke aus und sie konnte sich vorstellen, dass es sehr unangenehm werden konnte, seinen Zorn auf sich zu ziehen. Es war wirklich eine Schande, dass er eine Persönlichkeitsstörung oder ein Alkoholproblem hatte. Andererseits war es besser so, denn so brauchte sie nicht weiter über diesen Mann nachzudenken. Über diesen Mann, der sie an Dinge denken ließ, an die sie nicht denken wollte. Der sie Dinge fühlen ließ, die ihr Angst machten, weil sie wusste, zu welchen Katastrophen sie führten.
Mit einem Kopfschütteln wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu und der Rest ihres Arbeitstages verging wie im Flug und ohne weitere Zusammenstöße mit Lennart.
Auf ihrem Nachhauseweg schlenderte sie durch den Park. Sie hatte keine Lust zu joggen und außerdem genoss sie nach dem Chaos und dem Lärm die Stille der angenehm warmen Frühlingsnacht. Angst hatte sie keine, der Park war gut beleuchtet und ihr Weg führte größtenteils am Rande des Parks entlang, direkt neben einer vielbefahrenen Straße. Plötzlich hörte sie ein keuchendes Bellen hinter sich und als sie sich überrascht umdrehte, sah sie den dummen Hund, der auf seinen Stummelbeinchen hinter ihr herrannte. Seine Zunge hing ihm seitlich aus dem Maul und er sah aus, als würde er gleich einen Herzinfarkt bekommen. Konnten Hunde überhaupt einen Herzinfarkt bekommen? Cindy blieb stehen und beobachtete den Hund mit hochgezogenen Augenbrauen, der sich völlig entkräftet zu Boden sinken ließ, als er sie endlich eingeholt hatte, und mitleiderregend mit seinem Schweineschwänzchen wedelte.
"Oh, echt jetzt, du Drama Queen", kommentierte Cindy seine schauspielerische Einlage und sah sich dann suchend nach seinem angeblichen Herrchen und Unsympath Lenni um. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn ihr der Typ für heute Abend erspart geblieben wäre. Es hatte fast den Anschein, als ob sich ihre Wege ständig kreuzten, ob sie es wollte oder nicht.
"Wo ist denn dein Herrchen, Miss Piggy?" fragte sie den Hund und stupste ihn leicht mit dem Fuß an. Der Hund winselte, als ob sie ihn gerade heftig getreten hätte.
"Jetzt übertreib mal nicht", ermahnte ihn Cindy und setzte sich auf eine Bank. Sie wollte den Hund nicht alleine lassen, wer weiß, was der wieder alles anstellte, bis sein Herrchen auftauchte. Womöglich kam er diesmal tatsächlich unter die Räder und das wünschte sie ihm natürlich nicht, auch wenn sie keine Hunde mochte.
Theatralisch stand der Hund auf, folgte ihr zur Bank und legte sich neben sie, den Kopf auf ihren Sneaker gebettet. Na, immerhin diesmal der Kopf und nicht sein fetter kleiner Hintern, dachte Cindy, aber als sie den Sabber sah, der ihm aus dem Maul lief, war sie sich nicht mehr ganz sicher, ob das wirklich besser für ihren Sneaker war.
"Und jetzt?" fragte sie den Hund, aber der seufzte nur und fing nach ein paar Sekunden an zu schnarchen. Mit seinem kleinen Sprint hatte er sich anscheinend vollkommen verausgabt.

Cindy blieb eine Weile sitzen und wartete darauf, dass Lennart auftauchte. Schließlich musste sie eine Entscheidung treffen, es war schon sehr spät und von Lennart war keine Spur zu sehen.
"Na gut, du kannst heute Nacht bei mir schlafen, aber nur diese eine Nacht, hörst du?" informierte sie den Hund, der sich aufsetzte, sie aus seinen Glubschaugen anstarrte und ihr dann Pfötchen gab.
Resigniert starrte Cindy zurück. Was konnte der Hund schließlich dafür, dass er dumm war und ein unsympathisches Herrchen hatte?
"Na dann komm", forderte Cindy ihn auf und klopfte auf ihre Knie. Sofort sprang der Hund auf ihren Schoß und versuchte, sie abzulecken.
"Kein Abschlecken, hörst du?" sagte Cindy streng und stand dann auf, um den Rest des Nachhauswegs mit dem Hund auf dem Arm zurückzulegen, dem es ganz offensichtlich gefiel, getragen zu werden.
In ihrer Wohnung angekommen ging Cindy schnurstracks mit dem Hund ins Bad und setzte ihn in ihrer Badewanne ab.
"Wenn du heute Nach hierbleiben willst, musst du erst duschen. Ich habe gesehen, wo du deine Nase überall reinsteckst."
Der Hund bellte zustimmend und wehrte sich in keiner Weise gegen die Beauty-Behandlung, die Cindy ihm verpasste. Im Gegenteil, er schien es zu genießen, dass sie ihn einshampoonierte und anschließend mit warmem Wasser gründlich abspülte. Er ließ es sogar widerspruchslos über sich ergehen, dass sie ihm die Zähne putzte, und als sie ihn föhnte, seufzte er glücklich. Gegen ihren Willen musste Cindy lachen, dieser Hund war ein verwöhntes kleines Luxusgeschöpf! Zu guter Letzt wickelte Cindy den Hund in ein großes weiches Handtuch und setzte sich mit ihm aufs Sofa, wo sie ihm mit einer Papiernagelfeile die Krallen feilte und anschließend die Pfötchen mit etwas Handcreme eincremte, da er sie sich tatsächlich wundgelaufen hatte. Sie musste zugeben, dass es ihr richtig Spaß machte, der Hund war vielleicht dumm und dick, aber er war eine gute Seele und absolut unkompliziert.
An seinem Halsband, das sie ihm zum Waschen abgenommen hatte, hatte sie eine kleine Medaille mit einer Telefonnummer gefunden. Dort würde sie gleich morgen früh anrufen, auch wenn ihr der Gedanke nicht behagte, mit Lennart zu telefonieren. Müde rieb sie sich die Augen und stand auf.
"Ich gehe jetzt schlafen. Du kannst hier auf dem Handtuch schlafen. Und mach keinen Blödsinn, hörst du?"
Der Hund bettete sein Köpfchen auf den Pfoten und sah sie unschuldig an.
"Ja, ja, wer's glaubt", murmelte Cindy und ging ins Bad, um ebenfalls zu duschen.
Als sie nach dem Duschen in ihr Schlafzimmer kam, lag der Hund auf dem Bett. Natürlich, das war ja nicht anders zu erwarten gewesen. Aber sie war zu müde, um sich jetzt noch mit einem dummen Hund zu streiten, und sie mochte seine Gesellschaft, auch wenn sie das nur ungern zugeben wollte.
"Ok, aber du bleibst am Fußende liegen, verstanden?" sagte sie streng. Der Hund seufzte ergeben und schloss die Augen. Cindy beugte sich zu ihm herunter und kraulte ihn hinter den Ohren. Es fühlte sich gut an, den Hund zu kraulen, er war zwar anspruchsvoll, aber unkompliziert. Und er roch gut, nach ihrem Lieblingsshampoo.

Am nächsten Morgen wurde sie von einer Zunge geweckt, die ihr über das Gesicht fuhr. Der Hund!
"Igitt", murmelte sie, dann zog sie den unmöglichen Hund in ihre Arme und vergrub ihre Nase in seinem duftenden Fell. Sie gönnte sich noch ein paar Minuten Ruhe im Bett, wie jeden Morgen, bevor sie aufstand und sich dem neuen Tag stellte. Dann schwang sie die Beine aus dem Bett, zog sich an und ging zuerst mit dem Hund Gassi, der auch ganz brav sein Geschäft verrichtete. Meine Güte, es gab Menschen, die taten so etwas freiwillig, dachte Cindy ungläubig, als sie die Plastiktüte mit seinem Geschäft im Mülleimer entsorgte.
Wieder in der Wohnung, wischte sie dem Hund die Pfoten und den Hintern mit Feuchttüchern ab, denn was für kleine Kinder gut war, konnte einem Hund ja wohl kaum schaden. Den Hund störte es nicht und Cindy beobachtete ihn mit einem Lächeln dabei, wie er auf einen der Stühle an ihrem kleinen Küchentisch sprang und neugierig aus dem Fenster blickte.
Cindy machte sich Kaffee und ein Marmeladenbrot, fütterte den Hund mit gekochtem Schinken und starrte immer wieder auf die Medaille mit der Telefonnummer. Sie hatte einfach keine Lust, sich Lennarts dumme Kommentare am Telefon anzuhören. Plötzlich kam ihr eine Idee. Sie klappte den Laptop auf und kurze Zeit später hatte sie eine Adresse zu der Telefonnummer. Eine Adresse, die in einer sehr guten Wohngegend der Stadt lag, ziemlich weit weg vom Park. Der Hund konnte also auf keine Fall von zu Hause ausgebüxt sein, auf seinen Stummelbeinchen hätte er es niemals bis in den Park geschafft und außerdem wäre er auf dem Weg dahin mit Sicherheit mehrmals von einem Auto überfahren worden, so dumm wie er war.
"Zeit für einen kleinen Ausflug, Miss Piggy!" informierte Cindy den Hund, der begeistert um sie herumsprang, als sie sich ihre Sneakers anzog. Heute brauchte sie ein bisschen Farbe, also hatte sie ausnahmsweise ihre rosa Sneakers aus dem Schrank geholt.
"Willst du deinen Look auch ein bisschen aufpeppen?" fragte sie den Hund, der sie neugierig beobachtete. Sie zog ein blau gemustertes und ein pinkes Halstuch aus der Schublade, die sie sich manchmal in die Haare band, und hielt die beiden Halstücher hoch. Zielstrebig lief der Hund zum pinken Halstuch und schnupperte daran. Cindy lachte, band ihm das pinke Halstuch um und kraulte ihn kurz hinter den Ohren. Dann nahm sie den Hund auf den Arm und trug ihn hinunter in die Tiefgarage, in der sie ihren uralten Golf geparkt hatte, der ihr noch immer treue Dienste leistete.
Sie setzte den Hund auf dem Beifahrersitz ab und tätschelte ihm dann den Kopf.
"Gut siehst du aus, Miss Piggy!"
Der Hund sah sie so selbstzufrieden an, dass sie wieder lachen musste. Zum Glück war der Hund Autofahren gewohnt, er rührte sich nicht vom Fleck, schien die Fahrt zu genießen und blickte neugierig aus dem Fenster. Cindy streichelte ihm hin und wieder den Kopf und summte zufrieden vor sich hin. Sie war nach wie vor kein Hundefreund und auch an ihrer Meinung über das Halten von Hunden in Großstädten hatte sich nichts geändert, aber sie musste zugeben, dass der Hund wirklich nett war.
Eine gute halbe Stunde später fuhr sie die Einfahrt zu einer großen Villa hoch. Das war die Adresse von Lennart? Meine Güter, er war ja wirklich nicht von schlechten Eltern! Sie parkte ihren alten Golf neben einem protzigen roten Sportwagen und stieg nach einem kurzen Zögern aus, den Hund auf dem Arm. Eine breite Treppe führte hinauf zu einer wuchtigen Eingangstür, an der sie ein wenig zaghaft klingelte. Fast augenblicklich wurde die Tür geöffnet und sie stand vor einem Schrank von einem Mann in dunklem Anzug, an dem alle nach Sicherheitsdienst schrie.
"Wie sind Sie hierhergekommen?" fragte sie der Mann unhöflich. Das war ja eine tolle Begrüßung.
"Ich bin mit dem Auto die Einfahrt hochgefahren?" erklärte Cindy ein wenig unsicher und spürte die ersten Anzeichen einer Verärgerung.
Sie hätte schwören können, dass der Mann leise fluchte, doch dann fiel sein Blick auf den Hund.
"Arturo!" rief er aus, ganz eindeutig überrascht und erleichtert. Er winkte Cindy ins Haus.
"Folgen Sie mir bitte", forderte er sie auf.
"Na klar doch, warum nicht, wo ich schon einmal hier bin", murmelte Cindy und folgte dem Sicherheitsmann in die Villa. Kurz darauf hörte sie die aufgeregte Stimme einer Frau.
"Wie konnte dir das passieren, Lenni, du weißt doch, wie sehr ich an Arturo hänge! Er ist mein ein und alles!"
"Das war garantiert diese Frau, diese Hundediebin. Sie hat schon vor zwei Tagen versucht, den Hund zu entführen oder zu stehlen, nonnina."
Das war unverkennbar die Stimme des Unsympaths. Cindy schob sich resolut an dem Sicherheitsmann vorbei in das Zimmer.
"Perché mai dovrei rubare un cane brutto e stupido come questo?" fragte sie und musterte neugierig die Frau, bei der es sich um eine ältere Dame handelte, die einer Königin gleich in einem Sessel thronte. Durch die offenen Glastüren fiel die warme Frühlingssonne in den Raum, eine Art Wintergarten mit zahlreichen Orchideen und einer der schönsten Orte, die Cindy je in ihrem Leben gesehen hatte. Die Frau sah erst Cindy an, dann Arturo, dann wieder Cindy. Dann brach sie in schallendes Gelächter aus.
"Da ist sie ja, die Hundediebin!" ereiferte sich Lenni und wollte Cindy am Arm packen. Die trat schnell einen Schritt zur Seite und setzte den Hund auf dem Boden ab, der auf seinen kurzen Stummelbeinchen zu der alten Frau hoppelte und ihr auf den Schoß sprang.
"Sei nicht albern, Lenni", rügte ihn die Frau, drückte den Hund kurz an sich und streichelte ihm dann den Kopf, "warum sollte sie einen so hässlichen und dummen Hund stehlen? Und dann zurückbringen? Ganz offensichtlich frisch gebadet und mit einem schicken Halstuch?"
Lenni starrte die Frau, die seine Großmutter sein musste, wie versteinert an.
"Aber nonnina", hob er an, doch die Frau brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.
"Sie sprechen Italienisch?" fragte die Frau Cindy und lächelte sie an. Es war ein warmes und freundliches Lächeln, das Cindy sofort an Lennart erinnerte.
"Ja klar, warum nicht, ist eine schöne Sprache."
Cindy zuckte mit den Achseln und sah sich um. Was für eine Einrichtung, was für eine Villa! Einfach unglaublich.
"Glaub ja nicht, dass du uns erpressen kannst, du kleine Schlampe. Und jetzt verschwinde, bevor ich die Polizei rufe. Im Kino brauchst du gar nicht mehr zu erscheinen, du bist gekündigt" stieß Lenni hasserfüllt hervor, wobei sich seine Stimme immer mehr steigerte, bis er sie schließlich anbrüllte. Kleine Speicheltröpfchen flogen durch den Raum und er hatte einen irren Blick. Vorsichtig machte Cindy einen Schritt zurück, um ein bisschen Abstand zwischen sich und diesem unsäglichen Menschen zu schaffen.
"Hör auf damit, Lenni!" hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich. Eine Stimme, die sie kannte und die von kalter Wut erfüllt war.
"Dein Verhalten ist wirklich untragbar, ganz davon abgesehen, dass du überhaupt kein Recht hast, Cindy zu entlassen."
Cindy? Woher wusste er, wer sie war? Mit klopfendem Herzen drehte sie sich um und stand vor Lennart. Was?
"Halt dich da raus, Lennart, und kümmere dich um deinen eigenen Kram. Ich hab dich gewarnt, misch dich nicht mehr in meine Angelegenheiten ein!"
Lenni stürmte auf sie zu, aber der andere Lennart packte sie und schob sie mit einem schnellen Griff hinter seinen Rücken. Dann legte er Lenni die Hand auf die Brust und hielt ihn auf Abstand.
"Schluss jetzt, Lennox, du musst deine Probleme ein für alle Mal in den Griff bekommen, so geht es nicht weiter!"
Lennox? Lennox und Lennart?
Meine Güte, die beiden waren Zwillinge!
"Das nenne ich mal eine gespaltene Persönlichkeit!" platzte Cindy verblüfft heraus und auf einmal war ihr alles klar. Jetzt, wo sich die beiden Männer gegenüberstanden, konnte sie ganz klar die Unterschiede zwischen ihnen erkennen. Lennart war breitschultrig mit Muskeln, die ganz eindeutig nicht vom Hantelstemmen stammten, sondern davon zeugten, dass er sich gerne und viel bewegte und im Freien aufhielt. Lennox hatte zwar die identische Statur, aber seine Schultern waren leicht nach vorne gesunken und er hatte einen kleinen Bauchansatz, der sich über dem Gürtel seiner Designerjeans deutlich abzeichnete. Seine Haut war fast krankhaft blass, im Gegensatz zu Lennart, dem die Frühlingssonne bereits einen leichten Bronzeschimmer verpasst hatte. Außerdem hatte Lennart zahlreiche Lachfältchen in den Augenwinkeln, währen Lennox dunkle Augenringe und einen verbitterten Zug um den Mund hatte. Aber abgesehen davon waren die Zwillinge identisch. Nur vom Charakter her hätten sie nicht unterschiedlicher sein können.
"Ich habe keine Ahnung, warum du diese billige Schlampe in Schutz nimmst, Brüderchen", presste Lennox verächtlich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und dann spuckte er Lennart ins Gesicht. Cindy erstarrte. Holy Shit! Lennart starrte seinen Zwillingsbruder an und Cindy konnte sehen, wie ihm die Adern am Hals hervortraten. Ohne nachzudenken ergriff sie seine Hand und drückte sie.
"Nicht, Lennart, er benimmt sich doch nur wie ein trotziges kleines Kind", versuchte sie ihn zu beruhigen. Lennart sah sie überrascht an und grinste dann.
"Ein trotziges kleines Kind. So hab ich das noch gar nicht gesehen, aber du könntest Recht haben."
Er lächelte sie an. Cindy zog eines der Feuchttücher aus der Hosentasche, die sie vorsorglich für den dummen Hund eingesteckt hatte, und reichte es ihm. Lennart wischte sich das Gesicht ab, trat dann ein paar Schritte zurück und zog Cindy in eine beschützende Umarmung an seine Seite.
Hitze durchfuhr Cindy wie ein Blitzschlag und sie wurde von einer Welle widersprüchlicher Gefühle überrollt. Sie brauchte keinen Beschützer und wollte keinen Beschützer, aber Lennart fühlte sich unglaublich gut an. Ihr Arm legte sich wie von selbst um seine Taille und sie hasste sich dafür. Gleichzeitig genoss sie seine warme und sichere Präsenz an ihrer Seite. Sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt machen sollte, also blieb sie einfach stehen und wartete ab, was passieren würde. Bevor die Situation weiter eskalieren konnte, mischte sich die Großmutter ein.
"Lennox, verlasse bitte sofort mein Haus. Und ich möchte dich erst dann wiedersehen, wenn du in einer Entzugsklinik warst", sagte sie mit strenger Stimme, aber Cindy konnte sehen, dass es ihr das Herz brach.
"Aber nonnina, du wirst doch dem dummen Geschwätz von Lennart nicht glauben!" rief Lennox ungläubig und mit Panik im Blick.
"Ich bin vielleicht alt, aber nicht dumm, Lennox. Ich sehe doch, dass du ein Problem hast. Was ist es? Kokain? Aufputschpillen? Andere Partydrogen? Alkohol? Oder alles zusammen?"
Einen Augenblick lang dachte Cindy, dass Lennox in Tränen ausbrechen würde, aber dann verhärtete sich sein Gesichtsausdruck und er stürmte wütend aus dem Raum, nicht ohne Lennart weitere hasserfüllte Blicke zuzuwerfen.
Der Sicherheitsmann fing die Tür auf, die Lennox mit Wucht zuknallen wollte.
"Ich stelle mal sicher, dass er das Tor zu macht", sagte er dann mit leiser und diskreter Stimme zu Lennart, der zustimmend nickte.
"Lässt er es schon wieder auf?" fragte Lennart.
"Ja, ich nehme an, er hat schon wieder seinen Handsender verloren und jetzt gibt er immer manuell den Code für die Notöffnung vom Tor ein. Das schließt dann nicht mehr."
"Sorgen Sie bitte dafür, dass das Schließsystem der Tore neu codiert wird. Wenn du einverstanden bist, nonna", wies Lennart den Sicherheitsmann an und sah dann seine Großmutter fragend an.
"Ja, machen Sie das, Paul. Und du Lennart, möchtest du mir diese reizende junge Dame nicht vorstellen?"
Trotz des Streits mit Lennox, der sie sichtlich mitgenommen hatte, wirkte sie sehr gefasst und musterte neugierig Cindy. Cindy konnte sich nicht erinnern, jemals als reizende junge Dame bezeichnet worden zu sein, aber die Großmutter von Lennart war einfach entzückend, ein Wort, das Cindy eigentlich nicht verwendete, das aber perfekt zu der alten Dame passte.
"Gerne, nonna!"
Lennart ging zu seiner Großmutter und küsste sie zuerst auf die linke, dann auf die rechte Wange. Dabei ließ der die Hand von Cindy nicht los. Seine Großmutter streichelte ihm die Wange und Cindy konnte sehen, dass ihr die Tränen in den Augen standen.
"Du bist so ein guter Junge, Lennart", seufzte sie und tätschelte ihm noch einmal die Wange.
"Nonna, das ist Cindy Johansen. Cindy, das ist meine Großmutter Cosima Salvadori."
Cindy war verblüfft, dass Lennart ihren Namen kannte.
"Freut mich, Sie kennenzulernen, Frau Salvadori", sagte sie artig und fühlte sich wieder wie ein kleines Mädchen.
"Komm her, Kindchen", forderte die Großmutter sie auf und folgsam beugte sich Cindy zu ihr herunter und küsste sie auf beide Wangen.
"Sag Cosima zu mir, Kindchen. Und jetzt erzähle mir, wie du zu Arturo gekommen bist."
Cindy setzte sich in einen bequemen Sessel gegenüber von Cosima. Trotz der angespannten Situation genoss Cindy den Moment. Dieser wundervolle, lichtdurchflutete Raum mit den Orchideen, die offenen Glastüren, die den Blick auf den gepflegten Garten freigaben, und Cosima, die nonnina, eine Großmutter, die Cindy sich immer gewünscht und nie gehabt hatte, alles das gab ihr für einen kurzen Augenblick das Gefühl, zu Hause zu sein. Und natürlich Lennart, der sich jetzt zu ihr herunterbeugte und ihr einen sanften Kuss auf die Lippen drückte, bevor er sich neben sie setzte. Überrascht und leicht schockiert berührte Cindy ihre Lippen und wusste nicht mehr, was sie sagen und wo sie hinschauen sollte.
Zum Glück wurde sie von Cosima aus ihrem Dilemma befreit, die ein Glöckchen läutete, das neben ihr auf einem kleinen Tischchen stand. Cindy musste lachen.
"Ich dachte, so etwas gibt es nur im Film", erklärte sie dann leicht verlegen ihren Heiterkeitsausbruch.
Cosimas Augen blitzten.
"Ich bin eben ein Urgestein und verzichte ungern auf meine liebgewonnenen Gewohnheiten!"
Dann bestellte sie bei der Hausdame, die diskret in das Zimmer trat, Kaffee und Croissants für alle und ließ sich ausführlich von Cindy berichten, wie sie Arturo kennengelernt hatte. Als Cindy ihr von dem Fast-Unfall erzählte, wurde Cosima blass.
"Ich hätte Lennox Arturo nicht mitgeben dürfen. Ich weiß schon länger, dass er ein Problem hat und auch vormittags oft in irgendwelchen Bars herumhängt. Und dass er sich mit seiner gespielten Fürsorge für Arturo nur bei mir einschmeicheln wollte", gestand Cosima und seufzte dann. Auf einmal sah sie traurig und ein wenig verloren aus.
Spontan lehnte sich Cindy nach vorne und legte ihre Hand auf die Hand von Cosima.
"Aber das ist doch mehr als verständlich", tröstete sie die nonna, "wenn alle Großeltern und Eltern ihre Enkelkinder und Kinder so lieben würden, wie sie Lennox und Lennart, dann wäre die Welt ein besserer Ort!"
Cosima tätschelte Cindy die Hand und blickte dann Lennart an.
"Du hast eine gute Wahl getroffen, mein Junge!" sagte sie leise und lächelte ihn an.
Cosima unterhielt sich noch eine Weile mit Cindy, die von der ganzen Situation zunehmend überfordert und deshalb erleichtert war, als Cosima das Gespräch freundlich beendete.
"Es war sehr angenehm, mit dir zu plaudern, aber jetzt muss ich mit Lennart noch geschäftliche Dinge besprechen."
"Selbstverständlich!" rief Cindy und sprang auf.
"Ich bring dich noch zur Tür", sagte Lennart und stand ebenfalls auf.
Schweigend legten sie den Weg bis zur großen Eingangstür zurück.
"Das war ziemlich krass."
Cindy schüttelte verwundert den Kopf und sah Lennart an.
"Ja, das kann mal wohl sagen", stimmte Lennart zu und dann küsste er sie.
Cindy schmolz in seine Umarmung, sein Kuss fühlte sich an, als ob sie nie in ihrem Leben jemand anderen geküsst hätte. Alles war einfach perfekt, wie er sie im Arm hielt, wie sich seine Lippen anfühlten, wie sich seine Hände anfühlten, einfach alles.
Dann war der Kuss vorbei und Cindy fühlte sich plötzlich einsam und verloren. Aber Lennart fuhr ihr mit den Fingern durch ihre Elfenhaare und flüsterte mit rauer Stimme:
"Darf ich dich heute nach der Arbeit im Kino abholen?"
Sofort wurde Cindy wieder von einer Gefühlswelle überrollt und Lennart musste sie festhalten, weil ihre Knie plötzlich nachgaben.
Sie schluckte.
"Wenn es unbedingt sein muss", murmelte sie.
"Ja, es muss unbedingt sein", bestätigte Lennart und küsste sie erneut.

An diesem Tag wartete Cindy ungeduldig darauf, dass sie die Kinobar endlich zumachen konnte, und sie hatte tatsächlich Schmetterlinge im Bauch. Sie wusste nicht genau, ob sie das gut finden sollte, irgendwie machte es ihr mehr Angst als dass sie sich darüber freuen konnte. Sie kannte Lennart gar nicht, ja, sie wusste erst seit heute Morgen, dass Lennart keine Persönlichkeitsstörung und kein Alkoholproblem hatte, sondern einen Zwillingsbruder. Einen Zwillingsbruder mit Problemen. Mit großen Problemen. Aber auch all ihre Bedenken konnten die Schmetterlinge nicht vertreiben. Und so lächelte sie Lennart an, als er kurz vor Mitternacht in die Kinobar kam, und ließ es zu, dass er sie in eine Umarmung zog und küsste.
"Lass uns irgendwo etwas essen gehen", schlug er vor, nachdem er sie nur widerwillig freigegeben hatte.
"Ich gehe nicht so gerne essen. Ich gehe auch nicht gerne unter Leute. Sollen wir uns nicht lieber etwas beim Chinesen holen? Wir können zu mir gehen, wenn das für dich in Ordnung ist."
Ein wenig erschrocken über ihren eigenen Vorschlag starrte Cindy Lennart an.
"Klar, warum nicht", stimmte Lennart zu, der komplett entspannt wirkte und den Arm um sie legte, als sie gemeinsam das Kino verließen. Er strahlte so eine Ruhe und Gelassenheit aus, dass Cindy sich innerhalb kürzester Zeit entspannte, und als sie ihre Wohnungstüre aufschloss, freute sie sich auf den gemeinsamen Abend mit Lennart.
Lennart zog unaufgefordert seine Schuhe aus und sah sich dann neugierig um.
"Und?" fragte Cindy und beobachtete Lennart amüsiert dabei, wie er ihre Wohnung erkundete.
"Gar nicht Cinderella mäßig, aber einhundert Prozent Cindy."
Er lachte sie an, griff wieder nach ihr und zog sie mit einem Blick in seine Arme, der unglaubliche Dinge mit Cindy anstellte. In diesem Augenblick entschied sich Cindy für Lennart. Sie ließ alle ihre Bedenken und Zweifel fallen, ignorierte ihre Ängste und hörte auf ihr Herz. Denn wer brauchte schon ein Herz, wenn er sich davor fürchtete, auf sein Herz zu hören? Also erwiderte sie seinen Kuss mit all der Leidenschaft, die sie so viele Jahre tief in ihrem Herzen verschlossen hatte. Als sie nach einer Ewigkeit voneinander abließen, lag ein Feuer in Lennarts Blick, das Cindy den Atem nahm.
"Darf ich?" flüsterte er mit rauer Stimme und als Cindy nickte, nahm er sie auf den Arm und trug sie ins Schlafzimmer.
Lennart war alles das, was sie sich immer von einem Mann gewünscht hatte. Er war leidenschaftlich, humorvoll, einfühlsam und liebevoll. Und ausdauernd. Und er fühlte sich genauso gut an, wie er aussah. Stark und selbstbewusst, ohne arrogant zu sein. Er gab ihr das Gefühl, die schönste Frau auf der Welt zu seine, eine Prinzessin, eine Königin.
Schließlich lag sie erschöpft in seinen Armen und fuhr träge mit den Fingerspitzen über seine Bauchmuskeln.
"Meine Cinderella mit ihren rosa Seidenhaaren", flüsterte Lennart und vergrub sein Gesicht in ihren Haaren.
Cindy wäre am liebsten ewig so liegen geblieben, eng an Lennart geschmiegt, sodass sie seinen Herzschlag hören konnte, aber sie hatte den ganzen Tag viel gearbeitet, und ihr Magen machte sich mit einem lauten Knurren bemerkbar.
Lennart lachte und sprang aus dem Bett.
"Bleib liegen, ich hole das Essen", sagte er und Cindy ließ ihn gewähren. Es war ein seltsames Gefühl, dass sich jemand um sie kümmerte, aber Cindy stellte fest, dass es ihr gefiel.
Kurze Zeit später kam Lennart mit zwei dampfenden Schalen und Essstäbchen zurück und sie machten es sich in den vielen Kissen bequem.
"Was ist mit Lennox passiert?" fragte Cindy, nachdem sie ihre Schale in Rekordzeit geleert hatte. Lennart nahm ihr die Schale ab und stellte die leeren Schalen auf dem Nachttisch ab. Dann griff er nach Cindys Hand und streichelte ihr sanft den Handrücken. Cindy konnte sehen, dass er einen Augenblick Zeit für sich brauchte, und wartete still.
"Wie du ja sicher bemerkt hast, sind wir eineiige Zwillinge", sagte Lennart nach einer Weile. Er hörte auf, ihre Hand zu streicheln, und sah ihr stattdessen in die Augen.
"Eineiige Zwillinge, das bedeutet, dass sich die Seele auf zwei Menschen verteilt. Ich glaube, irgendetwas ist dabei schiefgegangen und er hat einen Teil seiner Seele verloren."
Cindy konnte sehen, dass Lennart Tränen in den Augen hatte.
"Eine verlorene Seele also."
"Ja, eine verlorene Seele. Das war von Anfang an deutlich, er war schon als Kind extrem schwierig, verantwortungslos, selbstsüchtig, gemein, hartherzig. Und labil. Verbittert. Von Neid zerfressen. Unglücklich."
"Das war sicher schlimm."
"Ja, ich konnte seinen Schmerz und seine Wut spüren. Ich spüre sie noch heute. Aber ich kann ihm nicht helfen. Er ist einfach... kaputt. Ja, das ist das richtige Wort. Er ist kaputt und nichts kann ihn wieder ganz machen. Das ist furchtbar für mich, denn ob ich es will oder nicht, unsere Verbindung ist extrem eng. Wir haben ja die gleiche Seele."
Er seufzte und Cindy umarmte ihn, hielt ihn einfach nur eine Weile stumm fest. Es gab nichts, was sie sagen konnte, um seinen Schmerz zu lindern.
"Und was ist mit dir? Du bist hochintelligent und extrem kompetent, bleibst aber trotzdem lieber im Hintergrund. Warum?"
"Ich brauche meine Ruhe. Ich kann die Nähe zu anderen Menschen nicht wirklich zulassen."
"Tatsächlich?" fragte Lennart und zog sie mit einem Grinsen in einen enge Umarmung. Cindy lachte und schmiegte sich an ihn.
"Na ja, ich habe mich dazu entschlossen, bei dir eine Ausnahme zu machen", murmelte sie in seine Halsbeuge. Er roch so gut! Nach Liebe und nach Lennart. Sie setzte sich wieder auf und betrachtete Lennart, der entspannt auf dem Bett lag, ein Arm hinter dem Kopf, was seine Arm- und Schultermuskeln perfekt in Szene setzte. Meine Güte, was für ein schöner Mann!
"Ich würde alles dafür geben zu wissen, was du gerade jetzt, in diesem Augenblick denkst", flüsterte Lennart und seine Stimme hatte wieder diesen heiseren und leicht rauen Unterton, der dazu führte, dass Cindy von einer neuen Welle der Leidenschaft erfasst wurde.
"Ich habe gedacht, dass du ein unglaublich schöner Mann bist."
"Neben deiner Schönheit verblasst jeder Mann" sagte Lennart und sie konnte spüren, dass diese Worte aus seinem Herzen kamen. Also küsste sie seinen wunderschönen Mund und sie liebten sich erneut, langsamer jetzt, aber nicht weniger leidenschaftlich als vorher.
"Willst du mir erzählen, warum du die Nähe zu anderen Menschen nur schwer zulassen kannst?" fragte Lennart später, als sie in der Küche am kleinen Tisch saßen und sich über die Reste des chinesischen Essens hermachten.
"Na ja, ich bin mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen."
Cindy stand auf und holte Obst aus dem Kühlschrank.
"Wie, das ist schon die ganze Geschichte?" verblüfft sah Lennart sie an.
"Ja. Meine Mutter hat mir immer die Schuld dafür gegeben, dass ihr Leben komplett aus dem Ruder gelaufen ist. Nicht gerade die beste Ausgangsbasis für eine Mutter-Tochter-Beziehung. Sie ist gestorben, als ich achtzehn war. Aber ehrlich gesagt, sie fehlt mir nicht. Ich habe von Anfang an gelernt, mich selbst um meine Dinge zu kümmern. Und mich von anderen Menschen fernzuhalten."
Lennart stand auf und umarmte sie.
"Bereust du es, dass du dich nicht von mir ferngehalten hast?"
"Nein. Niemals. Nicht bis an mein Lebensende."
Lennart hielt sie eng umfangen, so eng, dass nichts zwischen sie beide kommen konnte.
"Ich auch nicht. Nicht bis an mein Lebensende."

So kam es, dass Cindy ihre große Liebe fand. Und eine große Familie. Was nicht immer einfach war, da nicht alle Familienmitglieder mit Begeisterung reagierten, als Lennart sie als seine Frau vorstellte. Cindy konnte es ihnen nicht verdenken, sie konnte es selbst kaum fassen, dass sie und Lennart sich nur eine Woche nach ihrem ersten gemeinsamen Abend auf dem Standesamt das Jawort gegeben hatten. Aber die Gefühle, die Cindy für Lennart empfand, hatten sie dazu gebracht, alle Bedenken über Bord zu werfen und sich kopfüber in dieses Abenteuer zu stürzen. Alles oder nichts. Lennart war das Risiko wert, da war sie sich sicher.
Lennart übernahm nicht nur die Leitung der Kino-Center, sondern nach und nach die Leitung der gesamten Holding, da Cosima ihm alle Anteile übertragen und ihn als ihren Nachfolger eingesetzt hatte. Und nachdem Cindy zu Anfang darauf bestanden hatte, weiter im Kino-Center hinter der Theke zu arbeiten, lenkte sie schon bald ein und begleitete Lennart bei seinen Geschäftsreisen zu den verschiedenen Unternehmen der Holding, denn sie liebte es nach wie vor, Ordnung und Strukturen in das Chaos zu bringen.
Sie war glücklich, zum ersten Mal in ihrem Leben war sie glücklich, und sie war sich sicher, dass mehr Glück nicht ging.
Bis zu dem Tag, an dem sie feststellte, dass sie schwanger war und sie und Lennart Zwillinge erwarteten.

Über mich

Ich liebe es, neue Welten zu erschaffen, und hoffe, ihr hab genau so viel Freude daran, meine Bücher zu lesen, wie es mir Freude bereitet hat, sie zu schreiben.

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