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Winterträume - Die verlorene Tochter: Emma und Arthur

Als junges Mädchen wird Emma ungewollt schwanger und muss das Kind zur Adoption freigeben. Danach lebt sie lange als Straßenkind, bis sie schließlich volljährig ist und endlich alleine für sich entscheiden kann, wie sie ihr Leben leben möchte. Ein Unfall im Winter bringt eine völlig unerwartete Wendung in ihr bescheidenes und zurückgezogenes Leben...

JANUAR

WINTERTRÄUME: Romantische Wintergeschichten

Die verlorene Tochter

Emma mochte ihren Beruf. Es war so ziemlich das einzige in ihrem Leben, das sie mochte. Weshalb sie auch alles in ihrem Beruf gab, da sie ihre Arbeitsstelle auf keinen Fall verlieren wollte. Sie erschien immer pünktlich zur Arbeit, beschwerte sich nicht, wenn es draußen kalt war, wenn es schneite, wenn es regnete oder wenn die Temperaturen im Sommer auf über 30°C kletterten, die sich in der Warnschutzkleidung wie 50°C anfühlten, und meckerte nicht, wenn ihr wieder einmal die unangenehmsten und unbequemsten Aufgaben übertragen wurden. Nein, jede Arbeit erledigte sie mit größter Sorgfalt, auch wenn sie den anderen noch so unwichtig erschien, denn für sie, für Emma, war jede Arbeit von Bedeutung. Die Arbeit füllte ihre Zeit und trug sie durch den Tag, sodass die Stunden vergingen, fast ohne dass sie es merkte. Jede Stunde Arbeit war eine Stunde mehr, in der sie nicht an Stella dachte, ihre kleine Tochter, die sie neun Monate unter dem Herzen getragen hatte. Ihr Stern, ihr Licht, das sie nur einen kurzen Augenblick in den Armen gehalten hatte.
Bevor sie Stella weggegeben hatte. Die mit Sicherheit jetzt nicht mehr Stella hieß, denn sie hatte alle Rechte an Stella aufgegeben, auch das Recht, ihr einen Namen zu geben.
Der stechende Schmerz, der sie jedes Mal durchfuhr, wenn sie an Stella dachte, war auch nach zehn Jahren kaum zu ertragen. Und der einzige Grund, warum Emma nicht aufgegeben hatte, warum sie es irgendwie geschafft hatte, die schlimme Zeit damals zu überstehen, waren der Gedanke und die Hoffnung, dass sie Stella durch ihre Entscheidung ein besseres Zuhause geschenkt hatte, als sie selbst es gehabt hatte, ein besseres Leben und eine bessere Zukunft. Ein Leben voller Liebe und Zuneigung, wie es jedes Kind auf der Welt verdiente und das doch so unglaublich vielen Kindern vorenthalten wurde.
Emma seufzte, weil ihre Gedanken schon wieder abgeschweift waren. Dann küsste sie das Bild von Stella und stellte den kleinen Bilderrahmen wieder auf ihren Nachttisch. Es war das einzige Bild, das sie von ihrer Tochter besaß, und sie hatte es nur deshalb, weil die Krankenschwester in der Klinik Mitleid mit Emma gehabt hatte und deshalb heimlich ein Polaroidfoto von Stella gemacht und es Emma zugesteckt hatte. Emma würde der Krankenschwester bis ans Ende ihrer Tage dankbar sein.
Natürlich hatte sie Stella nicht weggeben wollen. Welche Mutter würde freiwillig ihr Kind weggeben? Aber sie war erst vierzehn, als es passierte, und sie würde nie das Entsetzen ihrer Mutter vergessen, an dem Morgen, an dem sie ohne anzuklopfen ins Bad gekommen war und Emma ihren Babybauch, der sich mittlerweile deutlich abzeichnete, nicht schnell genug unter einem Handtuch verstecken konnte. Für ihre Eltern war diese ungewollte Schwangerschaft ihrer minderjährigen Tochter eine Katastrophe und Emma bekam nichts anderes als Vorwürfe zu hören, wie rücksichtslos sie war, dass sie den Ruf und das Ansehen ihrer Eltern mit ihrer Dummheit derart schädigte. Zum Glück war die Schwangerschaft schon weit fortgeschritten, sodass eine Abtreibung nicht mehr in Frage kam, denn dazu hätten sie ihre Eltern mit Sicherheit gezwungen, um die ganze Angelegenheit unter den Teppich zu kehren.
Ihre Eltern bedrängten sie, ihnen zu sagen, wer der Vater des Kindes war, vermutlich in der Absicht, Schadensbegrenzung zu betreiben und den Vater des Kindes mit einer fetten Geldsumme zu ewigem Schweigen und zum Verzicht auf das Kind zu bewegen. Schließlich brach Emma ein, die mit der Situation komplett überfordert war, und gestand ihren Eltern, dass ein Geschäftsfreund ihres Vaters eines Nachts, als ihre Eltern eine ihrer großen Partys veranstalteten, die sie als gesellschaftliche Verpflichtungen bezeichneten, zu ihr ins Zimmer gekommen war, ihr den Mund zugehalten und sie vergewaltigt hatte. Anschließend hatte er gelacht und sie als das kleine Lolita-Flittchen bezeichnet, während Emma weinend im Bett lag, sich vor Schmerzen krümmte und entsetzt auf das Blut starrte, das ihr an den Beinen herunterlief.
Natürlich glaubten ihre Eltern ihr nicht, das war Emma schon in der Nacht klar geworden, in der es passiert war. Weshalb sie ihnen auch nichts davon erzählt hatte. Ihr Vater reagierte mit einem seiner Wutanfälle auf Emmas Anschuldigungen und verpasste ihr eine schallende Ohrfeige, und ihre Mutter zischte:
"Wie kannst du es wagen, du kleine Lügnerin!"
Emma weinte bitterlich und beteuerte, dass sie die Wahrheit sagte, bis ihr Vater ihr schließlich noch eine Ohrfeige verpasste.
"Ich verbiete dir, diese ungeheure Lüge noch einmal auszusprechen, hast du mich verstanden?" sagte er mit einer so kalten und drohenden Stimme, dass sich Emma vor Entsetzen duckte und nur stumm nicken konnte.
Sie kam in eine Privatklinik, wo sie die restlichen drei Monate bis zur Geburt verbrachte. Die offizielle Version war, dass sie ein halbes Schuljahr in einer Schule in der Schweiz machte, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Emma durfte mit niemandem reden und niemand redete mit ihr, also redete sie mit Stella. Jeden Tag streichelte sie ihren Babybauch und erzählte Stella Geschichten, die sie sich für ihr Baby ausdachte. Emma hegte keinerlei Groll gegen das Baby, was konnte die kleine Stella schließlich dafür, dass sie das Ergebnis einer Vergewaltigung war? Emma fand, dass dieser kurze und furchtbare Moment in ihrem Leben ein kleiner Preis für das wundervolle Wesen war, das in ihr heranwuchs und das sie jeden Tag mehr spüren konnte.
Zu Anfang spielte sie mit dem Gedanken, aus der Klinik zu fliehen und Stella für sich zu behalten, aber dafür liebte sie ihre Tochter zu sehr. Sie war realistisch genug zu erkennen, dass sie als Vierzehnjährige nicht in der Lage sein würde, angemessen für ihr Kind zu sorgen. Also würde sie Stella anderen Menschen anvertrauen, die sich nach einem Kind sehnten und Stella bestimmt ein gutes Zuhause geben würden.
Emma gab sich fügsam, widersetzte sich nicht und war folgsam. Deshalb dachten alle, Emma hätte sich in ihr Schicksal ergeben, und nach und nach ließ die Aufmerksamkeit des Personals nach. So konnte sich Emma ein paar Stunden nach der Geburt heimlich aus der Klinik schleichen.

Das war der Anfang von Emmas Leben als Straßenkind in der Großstadt, denn so lange sie minderjährig war, war sie der Willkür ihrer Eltern ausgesetzt, denen sie nicht entkommen konnte. Eine Rückkehr in ihr Elternhaus kam für Emma nicht in Frage, die Situation dort war schon vor ihrer Schwangerschaft sehr schwierig gewesen und sie wusste, dass sie den Zorn und die Verachtung ihrer Eltern, insbesondere ihres Vaters, nicht ertragen konnte. Schon vorher, als Emma sich stets bemüht hatte, eine gute und mustergültige Tochter zu sein, hatte sie oft genug die Wut ihres Vaters zu spüren bekommen, der sie dann schlug, weil sie es verdient hatte, wie er es nannte, meistens mit einem Gürtel und immer nur an Stellen, die unter ihrer Kleidung verborgen waren. Sie musste es irgendwie schaffen, die Zeit bis zur Volljährigkeit zu überbrücken, ohne dass ihre Eltern sie fanden, wenn sie sie überhaupt suchten, was Emma eigentlich nicht glaubte. Vermutlich würden sie ihre Geschichte vom Internat im Ausland weiterspinnen und sich irgendwelche Ausreden einfallen lassen, um Emmas Abwesenheit zu erklären. Über die sie mit Sicherheit froh waren, denn irgendwie hatte Emma nie in ihr High Society Leben gepasst, irgendwie war Emma immer ein Störfaktor gewesen, eine lästige und ungeliebte Verpflichtung.
Die Jahre auf der Straße waren hart, viel härter, als Emma es sich vorgestellt hatte, aber in den schwierigsten Momenten klammerte sie sich an das Polaroidfoto von Stella und irgendwie hielt sie sich mit kleinen Aushilfsjobs über Wasser und schaffte es ohne Drogen und Prostitution bis zu ihrem 18. Geburtstag, der ihr wie ein Befreiungsschlag vorkam. Sie ging zu einer Streetworkerin, die immer besonders freundlich war, erzählte ihr ihre Geschichte und bat sie um Hilfe. Die Streetworkerin war wirklich fantastisch, als sie erkannte, dass es Emma mit dem Ausstieg ernst war, kümmerte sie sich um alle Formalitäten und unterstützte Emma dabei, ihren Schulabschluss nachzuholen, den Emma mit überraschend guten Noten in sehr kurzer Zeit schaffte. Anschließend machte sie eine Ausbildung als Landschaftsgärtnerin, denn sie hatte immer noch Probleme damit, zu viel Zeit in geschlossenen Räumen zu verbringen. Auch die Ausbildung schaffte sie mit guten Noten, denn das war ihre Chance auf ein unabhängiges Leben, das sie ganz nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten konnte. Als sie die Anzeige für eine Stelle bei dem Bauhof einer mittelgroßen Kleinstadt weit weg von der Großstadt fand, in der sie die letzten Jahre verbracht hatte, fuhr sie mit dem Fernbus hin, um sich zu bewerben, und bekam tatsächlich die Stelle.
Die Arbeit gefiel ihr, sie war bei jedem Wetter draußen und sie musste kaum mit anderen Menschen reden. Sie wusste, dass ihre Arbeitskollegen sie für seltsam hielten, sie aber respektierten, weil sie fleißig war und sich nie beschwerte.
Emma schüttelte leicht verärgert den Kopf. Wieso gingen ihr gerade jetzt alle diese Gedanken durch den Kopf? Sie wünschte sich sehr, es würde ihr gelingen, irgendwie mit ihrer Vergangenheit abzuschließen oder wenigsten ihren Frieden damit zu machen, aber sie wusste nicht wie. Sie konnte ja die Erinnerungen nicht aus ihrem Gedächtnis löschen, sie waren schließlich ein Teil von ihr und verdrängen wollte sie sie auch nicht. Die Zeit, die sie auf der Straße verbracht und von der Hand in den Mund gelebt hatte, hatte sie gelehrt, dass man Problemen nicht aus dem Weg gehen konnte. Man konnte sie auch nicht wegwünschten, man musste sich ihnen stellen.
Sei stolz auf dich, dass du es bis hierhin geschafft hast, Emma, machte sie sich selbst Mut, blicke einfach nach vorne, die Zukunft liegt vor dir, auch wenn du sie jetzt noch nicht erkennen kannst.
Mit einem Seufzer zog sie ihre Warnschutzhose, dicke Strümpfe und einen warmen Pullover an und ging dann in die Küche, um noch einen Kaffee zu trinken, bevor sie sich auf den Weg zur Arbeit machte. Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihr, dass es draußen Minusgrade hatte und die Schneereste gefroren waren, was bedeutete, dass es ein arbeitsreicher Tag werden würde.
Sie stellte die Kaffeetasse in die Spüle, zog ihren Warnschutz-Winterparka mit Daunenfüllung an und setzte ihre Fleecemütze mit Ohrenklappen auf. Zufrieden musterte sie ihr Spiegelbild, bevor sie nach den Autoschlüsseln griff. In der dicken Winterarbeitskleidung war nicht erkennbar, dass sie eine Frau war. Ein weiterer Grund, warum sie ihre Arbeit so liebte. Nach ihrer ersten und einzigen Erfahrung mit einem Mann, deren Ergebnis ihre kleine Stella war, hielt sich Emma von Männern fern und war stets bemüht, unter keinen Umständen die Aufmerksamkeit von Männern auf sich zu ziehen. Sie trug ihre Haare kurz, schminkte sich nicht, ging nie aus und kleidete sich unauffällig. Und an ihrem Arbeitsplatz versteckte sie sich hinter ihrer Arbeitskleidung.
Im Bauhof angekommen sah sie, dass sie heute für das Auffüllen der Streugutkästen eingeteilt war. Ihre Kollegen drückten sich gerne davor, weil es bedeutete, den ganzen Tag lang alleine zu arbeiten und Streugutsäcke zu schleppen, aber Emma freute sich aus den gleichen Gründen immer, wenn sie für diese Aufgabe eingeteilt wurde. Sie begrüßte ihre Kollegen wie jeden Tag freundlich aber kurz angebunden und nahm dann die Liste der Streugutkästen entgegen, die sie abfahren sollte, sowie die Schlüssel für das Fahrzeug.
"Hannes hat die Säcke schon aufgeladen", informierte sie ihr Chef, was Emma mit einem Nicken quittierte.
"Alles klar, dann fahr ich mal los."
Sie ließ sich noch einen Kaffee aus dem Automaten, den sie in ihren Thermobecher füllte und in die Becherhalterung im Kleinlaster steckte, auf dessen Ladefläche sich die Streugutsäcke türmten. Ein Gefühl der Zufriedenheit erfüllte sie, als sie den Laster startete und losfuhr. Sie mochte dieses Gefühl, das sich erst seit kurzem hin und wieder bei ihr einstellte, da die vielen Jahre auf der Straße immer noch stark bei ihr nachwirkten. Noch immer schreckte sie nachts hoch und tagsüber begegnete sie allem und jedem mit größtem Misstrauen. Oft fühlte sie einen Nachhall von ihrem gehetzten und gefährlichen Leben auf der Straße. Aber sie arbeitete daran und vor allem die vergangenen zwei Jahre, seit sie ihren Job in der Kleinstadt auf dem Land hatte, hatten ihr dabei geholfen, zumindest so etwas wie Ruhe zu finden, auch wenn sie vom inneren Frieden noch weit entfernt war. Entscheidend dafür war die Tatsache, dass sie jetzt eine eigene Wohnung hatte. Die Wohnung war zwar nur winzig klein, ein kleines Schlafzimmer und ein kleines Wohnzimmer mit einer Küchenzeile, aber es war ihr Reich und sie hatte sogar einen Mini-Balkon, auf dem sich Emma im Frühling, im Sommer, im Herbst und oft auch im Winter die Sonne ins Gesicht scheinen ließ.
Wer noch nie wohnungslos gewesen war, konnte sich nicht vorstellen, was es bedeutete, wenn man abends zu einem sicheren Schlafplatz zurückkehren konnte, wenn man sich abends duschen und die Haare waschen konnte, wenn man jeden Tag frische Kleidung anziehen und sich eine warme Mahlzeit zubereiten konnte. Für Emma waren alle diese Dinge wichtige und feste Rituale geworden, die sie fast andächtig jeden Tag durchführte. Und auch heute noch, nach fast zwei Jahren, war sie jedes Mal von einer tiefen Dankbarkeit erfüllt.
Der Vormittag verging wie im Flug und nach einer kurzen Mittagspause im Bauhof, die sie nutzte, um die Ladefläche wieder mit Streugutsäcken zu beladen und ihren Thermobecher mit frischem Kaffee zu füllen, machte sie sich wieder auf den Weg. Sie hatte sich mittlerweile weitgehend durch die Liste durchgearbeitet und alle Streugutkästen im Stadtbereich aufgefüllt, jetzt waren die Streugutkästen in den umliegenden Ortsteilen dran, die über zum Teil sehr kleine Landstraßen erreichbar waren.
Auf der Fahrt zu einem der kleinen abgelegenen Ortsteile mitten im Wald sah sie plötzlich ein Fahrzeug, das von der Straße abgekommen, die Böschung hinuntergerutscht und gegen einen Baum gekracht war. Sofort schaltete Emma den Warnblinker ein, hielt am Straßenrand an und rief die Polizei an, um sie über den Unfall zu informieren. Dann stieg sie schnell und mit wild klopfendem Herzen die Böschung herunter zum verunfallten Fahrzeug. Es war ein großer Geländewagen und vermutlich war es allein dieser Tatsache zu verdanken, dass sich das Fahrzeug nicht überschlagen hatte. Als sie sich dem Wagen näherte, hörte sie ein Kind weinen. Ihr Herz schlug ihr jetzt bis zum Hals und sie rannte die letzten Meter bis zum Auto, dessen Motorhaube von dem Baum eingedrückt worden war, gegen den das Auto geprallt war.
"Ich bin da, ich bin da!" rief sie und versuchte, die Beifahrertür des Fahrzeugs zu öffnen. Durch das Fenster konnte sie die geöffneten Airbags und ein Mädchen erkennen, das hysterisch weinte. Der Mann auf dem Fahrersitz hing leblos in seinem Sicherheitsgurt und über dem aufgeblasenen Airbag.
Mit der Kraft der Verzweiflung gelang es Emma, die verklemmte Beifahrertür aufzureißen. Dann sammelte sie sich kurz und atmete tief durch.
"Hallo, ich bin Emma. Geht es dir gut? Bist du verletzt?" fragte sie das Mädchen, das vielleicht acht oder neun Jahre alt war, und suchte nach Anzeichen für Blut oder andere Verletzungen. Das Mädchen schien Emma überhaupt nicht wahrzunehmen, sondern schrie weiter hysterisch. Weil Emma nicht wusste, ob es Verletzungen hatte, legte sie ihm vorsichtig die Hand auf die Schulter und drückte leicht zu.
"He, du Mäuschen, alles ist gut! Ich bin ja jetzt hier und gleich kommen die Polizei und der Krankenwagen, hörst du?"
Das Mädchen blinzelte ein paar Mal, hörte dann auf zu schreien und sah Emma an.
"Bist du verletzt? Tut dir irgendetwas weh?" fragte Emma noch einmal. Sie konnte sehen, dass Benzin auslief, und hatte ein ungutes Gefühl.
"Hör mal, ich brauche jetzt deine Hilfe!" sagte sie deshalb eindringlich zu dem Mädchen. Das nickte.
"Mir tut nichts weh, ich glaube, ich bin nicht verletzt... aber mein Papa!"
Sie fing wieder an zu weinen.
"Ja, das sehe ich. Deshalb brauche ich deine Hilfe. Ihr müsst aus dem Auto, das ist zu gefährlich. Komm!"
Emma zog ihr Messer, schnitt den Sicherheitsgurt durch und half dem Mädchen vorsichtig aus dem Auto.
"Kannst du stehen?"
Das Mädchen, das wie durch ein Wunder unverletzt zu sein schien, nickte schwach.
"Wie heißt du?"
"Sophia."
"Gut, Sophia, du bleibst hier stehen."
Sie führte das kleine Mädchen zu einem großen Baum ein paar Meter vom Auto entfernt.
"Halte dich am Baum fest. Ich hole deinen Papa. Du schaffst das!"
Emma drückte Sophie aufmunternd die Schulter, die sich am Baum festklammerte, und rannte dann zurück zum Fahrzeug. Die Fahrertür war eingedrückt und total verklemmt, die ließ sich nur mit den Schneidwerkzeugen der Feuerwehr öffnen, aber auf die konnte Emma nicht warten. Sie krabbelte auf den Beifahrersitz, ließ die Luft aus dem Airbag und schnitt den Gurt durch. Zum Glück hatte sie ihr Messer! Dann hatte sie keine Zeit mehr, lange zu überlegen, ob der Mann überhaupt transportfähig war, denn aus dem Motorraum schlugen bereits die ersten Flammen. Emma packte den bewusstlosen Mann unter den Achseln, zerrte ihn irgendwie über die Mittelkonsole und aus dem Auto und schleppte ihn zu dem Baum, an dem die weinende Sophia stand. Sie sandte dabei Stoßgebete zum Himmel, dass das Auto nicht in Flammen aufging oder explodierte, bis sie weit genug weg war, und dankte dem Universum dafür, dass sie durch die jahrelange anstrengende körperliche Arbeit stark genug war, den Mann überhaupt fortzubewegen. Sie biss die Zähne zusammen und zog ihn verbissen Stück um Stück weiter vom Auto weg.
"Komm, Sophia, noch ein kleines Stückchen weiter in den Wald!" keuchte sie, als sie den Baum erreichte. Sophia klammerte sich an Emmas Parka, die den Mann noch etwas weiter schleppte. Dann verließen sie die Kräfte und sie sank erschöpft neben dem Bewusstlosen zu Boden. Plötzlich schlugen helle Flammen aus dem Auto und Sophia schrie vor Angst. Schnell zog Emma sie in eine Umarmung und drückte sie an sich.
"Nichts passiert, ist nur das Auto, du brauchst keine Angst zu haben", beruhigte sie das kleine Mädchen.
Der Benzintank explodierte mit einem lauten Knall und das Auto stand jetzt lichterloh in Flammen. Emma war unendlich erleichtert, als sie endlich die Sirenen der Rettungsfahrzeuge hörte.
"Wir sind hier! Wir sind hier!" rief sie den Rettungskräften zu, die mit besorgten Mienen die Böschung heruntereilten.
Schnell waren sie und Sophia von den Rettungskräften umringt und Emma konnte sich nicht erinnern, sich jemals so sehr über das Eintreffen von Menschen gefreut zu haben.
Es kam kurz etwas Hektik auf, als die Rettungssanitäter den Mann untersuchten und dann auf eine Bahre schnallten, während die Feuerwehr ihre Schläuche ausrollte und mit den Löscharbeiten begann.
Sophia klammerte sich weiter an Emma, die deshalb den Rettungssanitätern zum Krankenwagen folgte.
"Wie geht es ihm?", fragte sie den Notarzt und beobachtete voller Sorge, wie die Rettungssanitäter den immer noch bewusstlosen Mann in den Krankenwagen schoben.
"Er lebt", versicherte ihr der Notarzt, "mehr kann ich jetzt noch nicht sagen. Das Mädchen muss auch ins Krankenhaus, wir müssen sie untersuchen."
"Ich will bei Emma bleiben!" schluchzte das Mädchen und schlang ihre Ärmchen um Emma.
"Sie hat einen Schock. Ist es in Ordnung, wenn ich mit ins Krankenhaus fahre?"
"Ja, das ist mit Sicherheit besser. Steigen Sie mit der Kleinen in den anderen Krankenwagen."
Emma griff nach Sophias Hand und führte sie zu dem Krankenwagen.
"Wir fahren jetzt zusammen ins Krankenhaus zu deinem Papa, ok?"
Sophia sah Emma mit großen Augen an und nickte stumm. Eine Welle der Zuneigung zu diesem tapferen kleinen Mädchen erfüllte Emma schlagartig und trieb ihr die Tränen in die Augen, die sie nur mit Mühe unterdrücken konnte.

Auf dem Weg ins Krankenhaus rief Emma ihren Chef an, der versprach, jemanden zu schicken, um Emmas Kleinlaster abzuholen und zurück zum Bauhof zu fahren. Ein Rettungssanitäter hatte Sophia in eine Decke gewickelt, die mit leerem Blick neben Emma saß, aber weiter ihre Hand hielt.
Im Krankenhaus angekommen, wurde Sophia untersucht, was sich zu Anfang schwierig gestaltete, da sich Sophia weigerte, auch nur ein Wort zu sagen, wenn Emma nicht mit dabei war. Es gab einige Diskussionen, da Emma nicht mit Sophia verwandt war, aber schließlich durfte sie Sophia begleiten und zum Glück hatte das Mädchen außer ein paar Prellungen nichts abbekommen. Sophia hatte sogar noch ihr Handy in der Hosentasche, sodass die Polizei, die mittlerweile auch im Krankenhaus eingetroffen war, Sophias Tante anrufen konnte, die sofort ins Krankenhaus kommen wollte, was aber aufgrund der Entfernung mindestens drei Stunden dauern würde.
"Ich bleibe so lange hier bei Sophia", versicherte Emma der Polizeibeamtin, die auf Sophia aufpassen würde, bis ihre Tante kam.
Sie setzten sich ins Wartezimmer und Emma beschrieb einem anderen Polizeibeamten, was passiert war, der ihre Aussage mit dem Handy aufnahm, um sie später zu protokollieren. Sie würde dann morgen auf dem Polizeirevier vorbeikommen, um ihre Aussage zu unterschreiben. Alle waren unglaublich nett zu Emma und jemand brachte ihr und Sophia sogar heiße Schokolade und Muffins. Schließlich verschwanden nach und nach alle Beteiligten und sie blieb alleine mit der Polizeibeamtin und mit Sophia im Wartezimmer zurück, die eingemummelt in den dicken Winterparka von Emma auf der Bank eingeschlafen war, den Kopf auf Emmas Schoß gebettet. Emma streichelte Sophias weiche Haare und betrachtete sie mit einem wehmütigen Lächeln, weil sie an Stella denken musste.
Trotzdem fühlte sich der Schmerz anders an als noch heute Morgen, er war längst nicht mehr so intensiv, sondern ehr zu einem Hintergrundgeräusch abgeklungen. Heute hatte sie diesem kleinen Mädchen und ihrem Vater das Leben gerettet und das hatte etwas in Emmas Seele in Bewegung gesetzt. Der Gedanke daran, dass sie Sophia vor dem Flammentod gerettet hatte, verschaffte ihrer wunden Seele Linderung und Emma spürte wieder eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass das Schicksal oder das Universum oder die Vorsehung oder wer auch immer sie genau zum richtigen Zeitpunkt zur Unfallstelle geführt und ihr die Kraft gegeben hatte, nicht nur Sophia, sondern auch ihren Vater aus dem Auto zu bergen, bevor es in Flammen aufging.
Nach einer Weile bettete sie Sophia vorsichtig auf die Bank und legte ihre Mütze als kleines Kopfkissen unter Sophias Kopf.
"Es ist großartig, was Sie heute gemacht haben", sagte die Polizistin unvermittelt, die sich bisher mit ihrem Handy beschäftigt hatte, auf dem sie Musik abspielte oder einen Film ansah oder was auch immer.
"Ach was", wehrte Emma ab, der die ganze Aufmerksamkeit irgendwie peinlich war, "das hätte doch jeder gemacht!"
"Leider nein, wenn Sie wüssten, wie oft die Leute einfach weiterfahren oder herumstehen und gaffen oder den Unfall mit ihrem Handy filmen, was noch schlimmer ist..."
"Ich habe da gar nicht so drüber nachgedacht" wiegelte Emma verlegen ab.
"Trotzdem danke, dass sie aus einer Katastrophe eine wunderbare Rettung gemacht haben", sagte die Polizistin und schenkte ihr ein freundliches und ehrliches Lächeln, das Emma tief berührte. Ja, es gab sie tatsächlich, die freundlichen und netten und guten Menschen, das war etwas, was sie nach und nach lernen und zulassen musste.
"Danke", sagte sie deshalb ein wenig zögernd.
"Gerne", erwiderte die Polizistin und Emma konnte sehen, dass sie es auch so meinte.
Emma ging zum Automaten, um sich einen Kaffee zu holen, als sich die Tür vom Wartezimmer öffnete und eine sichtlich aufgelöste Frau den Raum betrat. Als ihr suchender Blick auf Sophia fiel, stand ihr die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Sie ging zur Bank und streichelte sanft Sophias Wange. Dann blickte sie auf und sah Emma an.
"Sind Sie das?"
"Wer?" fragte Emma verblüfft zurück.
"Die Frau, die Sophia und meinen Bruder gerettet hat?"
Verlegen nickte Emma mit dem Kopf und erstarrte dann in einer Mischung aus Überraschung und Verlegenheit, als die Frau zu ihr trat und sie in eine Umarmung zog.
"Danke", flüsterte die Frau und die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Dann wischte sie sich die Tränen mit dem Handrücken ab und lächelte Emma an.
"Ich war einfach zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort."
"Nein, Sie sind ein Engel, Sie sind wirklich ein Engel."
Bevor es Emma verhindern konnte, umarmte sie die Frau noch einmal.
Emma musste feststellen, dass es sich gar nicht so schlecht anfühlte, umarmt zu werden. Umarmungen waren etwas, das sie nicht kannte, nicht aus ihrer Kindheit und auch nicht aus der Zeit danach. Die einzige Umarmung, wenn man das so nennen konnte, hatte bei ihrer Vergewaltigung stattgefunden, weshalb Umarmungen ihr Angst machten. Aber jetzt und hier von Sophias Tante mit so viel Warmherzigkeit umarmt zu werden, machte ihr keine Angst.
"Ach was", murmelte sie immer noch verlegen, lächelte aber zurück.
"Wissen Sie schon, wie es Sophias Vater geht?" fragte sie dann die Frau.
"Arthur? Hat man Ihnen das nicht gesagt?"
"Nein, die Ärzte dürfen mir keine Auskunft geben. Datenschutz und so."
"Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Er hat ein paar Schnittverletzungen und starke Prellungen an der linken Seite, aber der Seitenairbag hat das Schlimmste verhindert. Und er hat eine starke Gehirnerschütterung, ist aber schon wieder bei Bewusstsein."
"Das sind ja fantastische Neuigkeiten", freute sich Emma.
"Ich bin übrigens Melina."
Die Frau gab Emma die Hand. Sie hatte einen festen Händedruck, das gefiel Emma.
"Emma. Sie sind ja jetzt hier, Melina, dann mache ich mich mal auf den Weg. Grüßen Sie Sophia von mir."
"Und Ihre Jacke?"
"Lassen Sie nur, ich komme ohne Jacke nach Hause. Sie können die Jacke beim Bauhof abgeben."
Mit einem letzten wehmütigen Blick auf die kleine Sophia verließ Emma den Warteraum und erst, als sie in der Eingangshalle des Krankenhauses angekommen war, fiel ihr ein, dass sie ja gar kein Auto hatte. Es würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als ohne Jacke mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Na ja, sie hatte einen dicken Pullover, sie würde schon nicht erfrieren.
"Emma!"
Überrascht drehte sie sich um, als sie hörte, dass jemand ihren Namen rief. Auf der Bank im Wartebereich der Eingangshalle saß einer ihrer Kollegen vom Bauhof und winkte ihr.
"Hannes! Was machst du denn hier?"
"Der Chef hat mich geschickt. Ich soll dich abholen, weil dein Auto ja beim Bauhof steht."
"Echt?"
Emma wusste gar nicht, was sie sagen sollte.
"Ja klar, das ist doch das Mindeste. Alle sind total stolz auf dich, du bist jetzt sowas wie eine Heldin."
"Jetzt übertreib mal nicht."
Hannes lachte, als er Emmas Verlegenheit bemerkte, und stieß ihr kumpelhaft den Ellenbogen in die Seite.
"Da musst du jetzt durch, Emma."
Dass Hannes Recht hatte, wurde Emma am nächsten Morgen klar, als sie auf dem Parkplatz aus dem Auto stieg und in das Gebäude ging. Alle blieben stehen und klatschten, sagten nette Sachen zu ihr und schlugen ihr auf den Rücken oder die Schulter, bis sich Emma in das Büro ihres Chefs flüchtete und mit einem deutlich hörbaren Stoßseufzer die Türe hinter sich schloss.
Er lachte und sah sie verständnisvoll an.
"Gefällt dir dein neuer VIP-Status nicht?"
"Ist mir irgendwie peinlich, ich fliege lieber unter dem Radar", gestand sie. Ihr Chef lachte wieder.
"Ja, das habe ich schon bemerkt. Ich habe auch bemerkt, dass du eine sehr zuverlässige Mitarbeiterin bist. Für welche Arbeit soll ich dich denn heute einteilen? Du kannst es dir raussuchen. Ausnahmsweise."
Er zwinkerte ihr zu.
Emma starrte ihn einen Augenblick lang verdutzt an.
"Streckenkontrolle wäre toll. Oder die Abfalleimer im Stadtbereich leeren. Irgendwas, was ich alleine machen kann."
"Das passt doch prima. Rate mal, was ich heute für dich vorbereitet habe."
Ihr Chef reichte ihr grinsend einen Zettel. Emma runzelte die Stirn, musste dann aber lachen, als sie sah, dass es die Tour für die Streckenkontrolle war.
"Danke", sagte sie erleichtert und verließ fast fluchtartig das Büro ihres Chefs.

Nach den ersten paar Tagen, in denen sogar die Lokalzeitung ein Interview mit Emma machen wollte, was sie dankend ablehnte, kehrte wieder die gewohnte Routine in ihren Alltag ein, die Emma mit Erleichterung begrüßte. Trotzdem setzten kaum merklich kleine Veränderungen ein, die Emma zuerst misstrauisch machten, die ihr aber gut taten, wie sie feststellte. In der Mittagspause, die sie bisher immer alleine verbracht hatte, setzten sich jetzt öfter Kollegen zu ihr an den Tisch, die dann über alles Mögliche redeten und nicht von ihr zu erwarten schienen, dass sie sich am Gespräch beteiligte. Und es fiel ihr zunehmend leichter, mit ihren Kollegen zusammenzuarbeiten. Hin und wieder dachte sie noch an Sophia und jedes Mal wurde es ihr warm ums Herz.
Eines Abends, ungefähr zwei Wochen nach dem Unfall, hörte Emma plötzlich, wie sie jemand rief, als sie gerade den Bauhof verließ und zu ihrem Auto ging. Sie drehte sich um und sah Sophia, die aufgeregt auf sie zu rannte.
"Emma, Emma, Emma!" rief das kleine Mädchen und umarmte sie dann mit einem glücklichen Lächeln.
"Sophia! Das ist aber eine Überraschung! Geht es dir gut?"
"Ja, und Papa auch!"
Sie hüpfte jetzt aufgeregt herum und strahlte Emma an.
"Wir haben dir deine Jacke gebracht", informierte sie dann Emma.
"Komm!"
Sophia nahm Emma bei der Hand und zog sie zu einem Geländewagen am anderen Ende des Parkplatzes.
"Jetzt sag bloß, ihr habt das Auto reparieren lassen!"
Sie zwinkerte Sophia zu, die laut lachte und dann mit der Ernsthaftigkeit von Kindern meinte: "Ne, das war total kaputt."
Am Geländewagen lehnte Sophias Vater und beobachtete seine Tochter mit einem amüsierten Lächeln, wie sie die widerstrebende Emma hinter sich her zog. Er kam ihnen ein paar Schritte entgegen und reichte ihr seine Hand.
"Ich bin Arthur und Sie müssen Emma sein."
Emma zögerte kurz, sie mochte es nicht, angefasst zu werden, und es war ihr unangenehm, einen Mann zu berühren, aber Sophia blickte sie so glücklich und erwartungsvoll an, dass sie sich einen kleinen Ruck gab und Arthurs Hand nahm. Er hatte einen festen Händedruck, der sich gut anfühlte. Sie konnte sehen, dass er ihr Zögern bemerkt hatte, aber er ging darüber hinweg, beendete den Händedruck sehr schnell und trat dann einen Schritt zurück, als ob er Emma mehr Raum geben wolle. Er legte den Arm um Sophia und drückte sie an sich.
"Ich wollte mich persönlich bei Ihnen bedanken. Wenn man sich für so eine Rettung überhaupt bedanken kann. Womit kann ich Ihnen denn eine Freude machen?"
"Das ist doch nicht nötig. Ich bin froh, dass ich zufällig dort war."
Sophia sah sie enttäuscht an und Emma tat es sofort leid, dass sie eine so schnelle Absage erteilt hatte.
"Was hattest du dir denn vorgestellt, Sophia?" fragte sie deshalb.
Sofort erschien wieder das strahlende Lächeln auf Sophias Gesicht.
"Wir können Pizza essen gehen! Ich liebe Pizza!"
Die Zuneigung, mit der Arthur seine übereifrige kleine Tochter ansah, rührte Emma.
"Sophia, bestimmt hat Emma schon was vor", versuchte er, Sophia ihren Plan vom Pizzaessen auszureden, aber die ließ sich nicht davon abbringen.
"Bitte bitte bitte, Emma!" bettelte sie und hüpfte jetzt wieder wie ein Gummiball herum.
"Klar, warum nicht", sagte Emma, bevor sie es sich anders überlegen konnte. Schließlich war eine Pizzeria ein öffentlicher Ort und wenn Sophia so viel daran lag, dann würde sie dieses eine Mal über ihren Schatten springen.
"Toll!" rief Sophia beglückt und hüpfte dann zum Auto.
"Danke, Sie machen ihr eine große Freude damit. Sie redet ständig von Ihnen, es scheint ihr dabei zu helfen, den Schrecken zu verarbeiten. Die ersten Tage nach dem Unfall hat sie sich praktisch die ganze Zeit an Ihre Jacke geklammert, ohne die sie nicht schlafen wollte. Deshalb bringen wir sie auch erst jetzt zurück, tut mir leid. Ich hätte Sie ja angerufen, aber ich hatte Ihre Telefonnummer nicht und weiß eigentlich nur, dass Sie Emma heißen."
Arthur schenkte Emma ein freundliches Lächeln und plötzlich wurde ihr bewusst, was für ein gutaussehender Mann er war. Groß, schlank, mit dunkeln Haaren, die er sogar noch kürzer trug als Emma, und einem sympathischen Gesicht, das Charakter und Lebensfreude ausstrahlte. Sofort spürte sie, wie sie sich wieder verschloss, zu tief saß ihr Misstrauen Männern gegenüber.
Aber Arthur ließ sich nicht davon aus der Ruhe bringen, dass Emma stumm vor ihm stand und sich nicht auf das Gespräch einließ.
"Wie wäre es mit heute Abend? Morgen ist Samstag, da kann Sophia ausschlafen. Kennen Sie die nette Pizzeria in der Altstadt am Tor?"
Emma antwortete nicht und bereute bereits jetzt, ihre Einwilligung zum Pizzaessen gegeben zu haben.
"Fantastisch!" sagte Arthur, als ob sie gerade mit Begeisterung zugestimmt hätte, "dann treffen wir uns heute Abend um sieben dort?"
Emma nickte stumm und wusste nicht, was sie jetzt sagen oder tun sollte. Zum Glück kam Sophia mit ihrer Jacke zurück, die ganz verknautscht war.
"Hier", sie reichte Emma die Jacke, als ob sie der kostbarste Gegenstand auf der Welt wäre.
"Sie ist ein bisschen verknittert, ich hab damit geschlafen. Bist zu jetzt böse auf mich?"
Emma lächelte Sophia an, nahm ihr die Jacke ab und fuhr ihr liebevoll mit der Hand durch die Haare.
"Aber nein, Mäuschen, das ist in Ordnung. Sicher, dass du ohne die Jacke zurechtkommst? Ich könnte sie dir noch ein bisschen länger leihen, weißt du. Ich habe noch eine andere Jacke."
"Das sehe ich, die hast du ja an!" Sophia kicherte und schlang dann noch einmal ihre Ärmchen um Emma.
"Ich brauch die Jacke nicht mehr!" versicherte sie ihr.
"Gibst du mir einen Kuss, Emma?" fragte sie dann und ihre Fröhlichkeit war plötzlich wie weggewischt, stattdessen sah sie einsam und verloren aus. Und ein bisschen traurig.
Emma beugte sich zu Sophia herunter und gab ihr einen Schmatzer auf die Wange.
"Gut so, Mäuschen?" fragte sie, gab ihr noch einen weiteren feuchten Schmatzer auf die Wange und kitzelte sie.
Sophia kicherte und versuchte, sich aus Emmas Umarmung zu winden. Den Moment der Traurigkeit schien sie schon wieder vergessen zu haben.
"Setz dich schon mal ins Auto, Sophia-Schatz, ich komme gleich", forderte Arthur seine Tochter auf, die sofort zum Auto rannte.
Emma sah ihr mit einem Lächeln hinterher und drehte sich dann wieder zu Arthur um, um sich von ihm zu verabschieden. Arthur, der sie mit einem nachdenklichen und intensiven Blick betrachtete, der bei Emma sofort den Fluchtinstinkt auslöste. Sie atmete tief durch, um ihre Panik zu unterdrücken.
"Ihr fehlt ihre Mutter, deshalb ist sie so anhänglich. Sie ist vor drei Jahren gestorben, das war nicht leicht für Sophia. Und auch für mich nicht."
"Das tut mir leid", sagte Emma. Was sollte sie auch sonst sagen? Tatsächlich tat es ihr leid, dass diese wundervolle kleine Familie auseinander gerissen worden war. Das zeigte ihr einmal mehr, dass es im Universum keine ausgleichende Gerechtigkeit gab.
"Sie können ja nichts dafür."
Er seufzte, fuhr sich mit der Hand durch die kurzen Haare und riss sich dann sichtlich zusammen.
"Sie kommen doch, heute Abend, oder? Bitte. Für Sophia. Sie hat eine schwere Zeit hinter sich und der Gedanke, dass ich auch fast gestorben wäre, macht ihr Angst und beschäftigt sie sehr. Aber Ihnen scheint sie zu vertrauen. Sie mag Sie. Ich weiß, das ist egoistisch von mir, aber Sophia ist mein ein und alles."
Arthur sah Emma bittend an und sie konnte sehen, wie wichtig es ihm war. Wie wichtig ihm seine Tochter war.
"Das mache ich gerne für Sophia. Dass es mir gelungen ist, Sophia zu retten, ist das Beste, was mir je in meinem Leben passiert ist."
Wider Willen lächelte Emma Arthur an.
"Und Sie natürlich. Also, dass ich Sie gerettet habe", fügte sie dann mit ein wenig Verspätung verlegen hinzu.
"Es ist auch das Beste, was mir in meinem Leben je passiert ist", erwiderte Arthur mit einem ehrlichen und warmen Lächeln.

So kam es, dass Emma zwei Stunden später vor der Pizzeria in der Altstadt stand und einen inneren Kampf mit sich ausfocht. Sollte sie tatsächlich in das Lokal gehen? In diesen geschlossenen Raum mit den vielen Menschen? Und sich mit einem Mann, den sie gar nicht kannte, an einen Tisch setzen? Vermutlich würde sie keinen Bissen herunterbekommen oder, was noch wahrscheinlicher war, sie würde eine Panikattacke bekommen. Und sie hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte, Gespräche mit anderen Menschen waren nicht so ihr Ding. Sie starrte die Tür der Pizzeria an und spürte, wie ihre Anspannung stieg. Aber da schob sich plötzlich ein kleines Händchen in ihre Hand.
"Warum guckst du die Tür so an?" fragte Sophia und sah Emma mit kindlicher Neugier an. Sofort ging Emma das Herz auf und ihre Anspannung war wie weggeblasen.
"Ich versuche, sie mit der Kraft meiner Gedanken zu öffnen", informierte sie Sophia mit ernstem Gesichtsausdruck.
"Echt? Darf ich auch mal probieren?"
Sophia zappelte jetzt wieder herum, wie immer, wenn sie etwas interessant oder spannend fand.
"Ausnahmsweise" sagte Emma gönnerhaft und beobachtete Sophia mit einem Grinsen dabei, als sie ihre Stirn in Falten legte und die Tür mit größter Konzentration anstarrte.
Mit einem gespielten Seufzer ging Arthur zur Tür und öffnete sie. Emma klatschte in die Hände.
"Siehst du, Sophia, es hat geklappt! Die Tür ist von alleine aufgegangen!"
Das brachte Sophia so zum Lachen, dass sie einen Schluckauf bekam. Also zeigte Emma ihr, wie man den Schluckauf wieder loswird, indem man mit einem Schluck Wasser im Mund die Luft anhält und im Stillen bis fünfzehn zählt. So kam eins zum anderen und Emma merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Sie wettete mit Sophia, dass sie die längsten Käsefäden mit der Pizza ziehen konnte, und erlaubte Sophia, ihr die Salami von der Pizza zu stibitzen. Sophia plapperte praktisch ununterbrochen, von der Schule, von Einhörnern, vom Schwimmunterricht, von ihren doofen Lehrern und von allem, was ein kleines Mädchen in ihrem Alter so bewegt. Und Emma genoss die Gesellschaft von Sophia. Arthur ließ sie beide machen, gab nur hin und wieder einen Kommentar ab und hielt sich sonst zurück, ja er war so diskret und höflich, dass seine Anwesenheit Emma sogar nach einer Weile nicht mehr störte und das war das Positivste, das sie je über einen Mann gedacht hatte.
Schließlich war der Abend zu Ende und statt erleichtert zu sein, spürte Emma so etwas wie Enttäuschung. Es war einfach zu schön gewesen, sich mit der lebhaften und aufgeweckten Sophia zu unterhalten. Auch Sophia wurde plötzlich still, als Arthur die Rechnung bezahlte und sie alle drei ihre Jacken anzogen.
"Du kommst mich doch besuchen, Emma, oder? Dann kann ich dir Percy zeigen, den musst du unbedingt kennenlernen!"
Hoffnungsvoll sah sie Emma an, die nicht wusste, was sie sagen sollte.
"Das ist eine tolle Idee", mischte sich Arthur ein, "Emma, Percy und ich würden uns sehr über einen Besuch freuen. Natürlich nur, wenn Sie Zeit haben."
"Wer ist Percy?" fragte Emma, um etwas Zeit zu gewinnen. Sie hatte Angst vor Bindungen und misstraute dieser spontanen Zuneigung, die sie für Sophia und ein kleines bisschen auch für Arthur empfand.
"Mein Kater. Er ist der größte Kater der Welt, weil sein Urgroßvater ein Luchs war", sprudelte Sophia heraus.
"Ist nicht wahr! Das hast du dir aber gerade ausgedacht, du Märchentante!"
"Doch, das ist wahr!" protestierte Sophia empört.
"Ja dann muss ich ihn natürlich unbedingt kennenlernen!"
"Sonntag hab ich Zeit. Und Percy auch!"
Sophia strahlte sie an und Emma seufzte. Sie konnte dem Mädchen einfach nichts abschlagen.
"Hast du deinen Papa gefragt, Sophia?"
"Den brauch ich nicht fragen, Sonntag darf ich immer entscheiden, was wir machen, weil Sonntag mein Papa-Tag ist."
"Ah, dein Papa-Tag, das klingt ja interessant. Wann soll ich denn kommen?"
"Wie wäre es nachmittags zum Kaffee? Ich mache wirklich guten Kaffee", schlug Arthur vor.

Und so kam es, dass Emma am Sonntag schon wieder eine Türe anstarrte und sich auf die Lippen biss. Es war die Tür von einem großen Einfamilienhaus mit einem schönen Garten. Emmas und Arthurs Haus. Das sie viel zu sehr an ein anderes schönes großes Haus erinnerte, an das sie sich nicht erinnern wollte. Nicht an das Haus, nicht an die Menschen, die dort gelebt hatten, und nicht an die Dinge, die dort passiert waren. Bevor sie weiter ihren trüben Gedanken nachhängen konnte, wurde die Tür von Sophia aufgerissen, die Emma anstrahlte und einen riesigen Kater auf dem Arm hielt.
"Der ist ja echt riesig!" sagte Emma und musterte den Kater verblüfft.
"Sag ich doch! Willst du Percy auch mal halten?"
Bevor Emma antworten konnte, drückte ihr Sophia den Kater in die Hand. Emma, die nichts mit Tieren anfangen konnte, umfasste ihn vorsichtig mit beiden Händen und hielt ihn so weit wie möglich von sich weg, was Sophia zum Lachen brachte.
"Du musst ihn auf den Arm nehmen... so!"
Sie drückte eine imaginäre Katze an ihre Brust und tat so, als ob sie sie streicheln würde. Mit einem mulmigen Gefühl tat Emma es ihr gleich, woraufhin Percy seinen Kopf sofort in ihre Halsbeuge drückte und zu schnurren anfing, was sich bei ihm wie ein Dieselmotor anhörte und nicht wie eine Katze. Das fühlte sich unglaublich gut an und Emma streichelte das seidenweiche Fell des Katers, als sie Sophia ins Haus folgte.
Auch diesmal verging die Zeit wieder wie im Flug, Sophia führte Emma durch das Haus, zeigte ihr stolz ihr eigenes Zimmer, in dem natürlich alles in Rosa und Glitzer war, es gab Kaffee, der wirklich sehr gut war, und heiße Schokolade für Sophia und dann setzte sich Emma mit Sophia an den großen Tisch im offenen und freundlichen Wohnbereich, der von Holz und bunten Farben dominiert wurde, um mit ihr zu malen. Emma liebte es zu malen und zu zeichnen, auch wenn es lange her war, dass sie einen Buntstift in die Hand genommen hatte, und Sophia, die für ihr Alter schon sehr gut malen konnte, war begeistert von dem Einhorn, das Emma für sie malte.
Arthur ließ die beiden alleine und verschwand in sein Büro, aus dem er erst wieder auftauchte, als es draußen dunkel wurde.
"Bleiben Sie zum Essen, Emma?" fragte er und sah sich dann neugierig die Zeichnungen an, die auf dem Tisch verstreut lagen.
"Es gibt Nudelauflauf, Papa macht tollen Nudelauflauf", verkündete Sophia und hielt dann das Blatt mit dem Einhorn hoch.
"Guck mal, was Emma für mich gemalt hat!"
Sie strahlte ihren Vater an, der ihr liebevoll die Wange streichelte.
"Das ist aber toll! Soll ich mal schauen, ob ich noch irgendwo einen Bilderrahmen habe, dann können wir es gleich aufhängen."
"Au ja!" rief Sophia begeistert und Emma wurde ganz verlegen, weil Arthur so ein Aufheben um ihre Zeichnung machte.
Auf einmal fühlte sie sich total fehl am Platz. Was tat sie eigentlich hier? Das war nicht ihre Familie und das war nicht ihre Tochter. Sie würde nie Teil dieser Familie sein und sie wollte auch nicht Teil dieser Familie sein. Familie, das bedeutete verletzt zu werden, das bedeutete ein gebrochenes Herz und ein Schmerz, der so tief saß, dass er nie wieder weggehen würde. Nie wieder. Nein, was sie wollte, das war aufstehen, weggehen und niemals wieder hierherkommen.
Oder etwa nicht?
Versuchsweise stand sie auf, doch da kam Sophia schon zurück, das Einhornbild in einem hübschen Bilderrahmen.
"Komm, wir suchen einen tollen Platz für das Bild!" rief sie aufgeregt und hüpfte so wild durch das Zimmer, dass Emma Angst hatte, das Bild würde ihr aus den Händen fallen.
"Das nehm ich mal besser", sagte sie deshalb und nahm Sophia das Bild ab, die kreuz und quer durch das Wohnzimmer rannte und dann schließlich vor einer Wand stehenblieb, an der schon einige Bilder mit Kinderzeichnungen hingen, die von Sophia sein mussten.
"Das ist der beste Platz, da kann ich es immer sehen und es ist nicht alleine."
Arthurs Vater, der schon den Hammer und einen Nagel bereithielt, ging zu seiner Tochter, um den Nagel in die Wand zu schlagen. Im Vorbeigehen sagte er leise:
"Bitte gehen Sie nicht weg, Emma."
Also blieb sie.
Und kam zurück.
Sie verbrachte praktisch jeden Sonntag mit Sophia und Arthur, der sich immer im Hintergrund hielt, und zuerst bemerkte Emma Arthur kaum, aber dann kam der Tag, an dem sie anfing, sich nicht nur auf Sophia, sondern auch auf Arthur zu freuen. Es war ein langsamer und leiser Prozess und es war nur der unglaublichen Geduld Arthurs zu verdanken, dass es überhaupt passierte.
Nach einer Weile fing sie an, nach Feierabend in der Firma von Arthur vorbeizuschauen, der eine kleine Schreinerei mit zehn Mitarbeitern hatte, in der er handbemalte Bauernmöbel herstellte. Sophia ging nach der Schule immer zu Arthur in die Firma und machte in seinem Büro ihre Hausaufgaben. Eines Tages hatte Emma die Idee, einen Schrank für Sophia zu bemalen, und natürlich ließ Arthur sie gewähren, weil sich Sophia sofort für ihr Projekt Einhorn begeisterte, wie sie es getauft hatte. Emma gefiel es, hinten in der Werkstatt an dem Schrank zu arbeiten und ihn mit Blumenranken, Einhörnern und Regenbögen zu verzieren, während Sophia auf einem Stuhl neben ihr saß und munter plapperte. Was eigentlich als Spaßprojekt für Sophia gedacht war, entpuppte sich dann aber als Überraschungserfolg, nachdem zuerst ein Kunde unbedingt auch so einen Schrank wollte, als er ihn beim Abholen seiner Möbel sah, und dann ein zweiter und noch einer, fast so, als ob handbemalte Einhornschränke eine echte Marktlücke wären.
Als die Vertrautheit zwischen ihnen wuchs, fing Arthur an, Emma hin und wieder zu berühren. Zu Anfang waren es nur flüchtige Berührungen, er strich ihr federleicht mit den Fingerspitzen über den Handrücken oder er berührte sie leicht am Arm, dann nahm er zum ersten Mal ihre Hand und ließ sie nicht mehr los. Sie waren im Wald bei einem der langen Spaziergänge, die Emma so sehr liebte, und Sophia rannte hinter ihrem kleinen Hund her, dem neuesten Familienzuwachs. Der Frühling lag in der Luft und Emma atmete tief den Duft des Waldes ein, der schon eine Vorahnung auf den Sommer erkennen ließ. Sie merkte erst gar nicht, dass Arthur ihre Hand hielt, und als sie es merkte, erschrak sie nicht einmal, denn es fühlte sich gut an. Es war eine starke Hand und eine ruhige Hand, so wie alles an Arthur stark und ruhig war. Eine Stärke und Ruhe, die durch die Berührung zu fließen schien und wie ein heller Sonnenstrahl die Dunkelheit aus ihrer Seele vertrieb.

An diesem Abend blieb Emma noch lange bei Arthur, als Sophia schon längst ins Bett gegangen war, und erzählte ihm alles. Niemals hätte sie es für möglich gehalten, dass sie ihre Geschichte eines Tages einer anderen Person erzählen würde, schon gar nicht einem Mann. Immer hatte sie alles für sich behalten, fest in ihrer Seele verschlossen, aber jetzt, bei Arthur, der ihre Hand hielt und ihr aufmerksam zuhörte, fühlte es sich richtig an. Sie konnte spüren, wie die Ereignisse alleine durch die Tatsache, dass sie sie mit Arthur teilte, an Gewicht verloren, dass sie weniger schwer auf ihr lasteten und ihr auf einmal gar nicht mehr so bedeutend vorkamen. Alles, was passiert war, hatte sie hierher geführt, zu Arthur und zu Sophia. Das war das einzige, was zählte, das einzige was wichtig war.
Nachdem Emma mit ihrer Geschichte fertig war, hob Arthur ihre Hand an seine Lippen und küsste sanft ihr Handfläche.
"Ich möchte dir zeigen, wie es sein kann, zwischen Mann und Frau. Wenn du mich lässt."
Emma zögerte und spürte plötzlich wieder, wie ihr Herz bis zum Hals schlug und die gewohnte Angst in ihr aufstieg.
"Bitte, Emma, lass es mich versuchen", sagte Arthur mit rauer Stimme und sah sie mit einem Blick an, der ein Gefühl in Emma weckte, das sie nicht kannte. Begehren. Es kam völlig unerwartet und unverhofft, aber mit einer unglaublichen Intensität, die ihr den Atem nahm.
Also nickte sie, weil sie keinen Ton herausbrachte. Und als sich Arthur zu ihr herunterbeugte, um sie zu küssen, entzog sie sich ihm nicht.
Es war wie ein Rausch, sie fühlte sich wie Dornröschen, das aus einem tiefen und langen Schlaf erwachte, und sie merkte gar nicht, dass sich ihre Arme wie von ganz alleine um seinen Hals schlangen und sie sich an ihn schmiegte. Hitze breitete sich in ihr aus und auf einmal konnte sie es gar nicht mehr erwarten, mehr von Arthur zu spüren.
"Komm", flüsterte Arthur heiser und führte sie in sein Schlafzimmer. Wo er ihr zeigte, was ein richtiger Mann mit einer Frau machte. Er dachte nur an sie, nur sie war für ihn wichtig, und er zeigte ihr, wie sehr er sie begehrte, weil sie wundervoll war, weil sie für ihn die schönste Frau auf der Welt war. Er zeigte ihr, wie Zuneigung und Liebe ein Feuer entfachen konnten, das heiß und hell loderte, bis es nur noch eine Erlösung gab.
Hinterher starrte Emma Arthur mit großen Augen an.
"Hat es dir gefallen?" fragte Arthur und streichelte sie sanft. Anscheinend konnte er gar nicht genug davon bekommen, sie zu berühren, sanft, dann wieder fordernd, aber immer unendlich liebevoll.
"Ja, es war wundervoll."
Sie schloss die Augen und schmiegte sich in seine Umarmung, die sie schützend und wärmend umfing.
"Ist es immer so?" murmelte sie.
"Nein, nur wenn man liebt. Nur die Liebe macht es zu einem so einzigartigen Moment."
Emma sah ihn verblüfft an.
"Du liebst mich?"
"Natürlich liebe ich dich. Du bist wie ein Engel in mein Leben und in das von Sophia getreten und hast meine Seele geheilt. Und die von Sophia."
Er küsste sie zärtlich.
"Ich liebe dich auch", flüsterte Emma und diese Erkenntnis machte ihr ein bisschen Angst. Aber sie war auch schön und warm und hell.
"Ich möchte dir etwas erzählen", sagte Arthur während er mit einer Hand sanft ihren Rücken streichelte.
"Das musst du nicht, aber wenn du es möchtest, dann höre ich dir gerne zu", versicherte Emma, die immer noch ganz benommen von dieser neuen Erfahrung, der Nähe und der Liebe war, die sie erfüllte.
"Sarah und ich konnten keine Kinder bekommen und haben Sophia adoptiert."
Emma löste sich aus seiner Umarmung und lächelte ihn an.
"Das ist doch wundervoll. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass meine kleine Stella auch so eine wundervolle Familie gefunden hat."
"Stella?"
"Ja, so habe ich meine Tochter immer genannt."
"Wann ist sie denn geboren, wenn ich das fragen darf."
Überrascht sah Emma ihn an, nannte ihm dann aber das Geburtsdatum und den Geburtsort von Stella.
"Das ist ja ein seltsamer Zufall. Das sind das Geburtsdatum und der Geburtsort von Sophia, die übrigens Sophia Stella heißt, weil die Krankenschwester uns gesagt hat, dass das der Name ist, den sich die leibliche Mutter ausgesucht hat. Aber der Name der Mutter auf der Geburtsurkunde ist ein anderer."
Emma spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich.
Das konnte nicht wahr sein!
"Ich habe meinen Namen geändert, sobald ich volljährig war. Ich wollte nichts mehr mit meiner Familie zu tun haben."
Arthur sah sie ungläubig an. Dann stand er auf, ging zur Kommode und holte einen Aktenordner heraus. Er schlug ihn auf und reichte ihn Emma, die auf die Geburtsurkunde von Sophia starrte, ohne etwas lesen zu können, weil ihr das Blut in den Ohren rauschte und alles vor ihren Augen verschwamm. Arthur setzte sich neben sie und zog sie in eine Umarmung.
Und dann las er ihr den Namen vor.
Und so kam es, dass Emma ihre verlorene Tochter wiederfand.

 

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Ich liebe es, neue Welten zu erschaffen, und hoffe, ihr hab genau so viel Freude daran, meine Bücher zu lesen, wie es mir Freude bereitet hat, sie zu schreiben.

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